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»CAN DESIGN CHANGE SOCIETY?«

Während meines gerade abgeschlossenen Studiums an der HTW Berlin spielte das Thema Verantwortung  immer wieder eine große Rolle und wurde kontrovers diskutiert. So wurde ich auf das Symposium »Can design change society« aufmerksam. Unvoreingenommen freute ich mich auf spannende Vorträge und interessante Diskussionen. Gleichzeitig fragte ich mich, wie oder besser gesagt, ob diese Frage überhaupt beantwortet werden kann.

Das Symposium fand vom 18. bis 19. September im Berliner Haus der Kulturen der Welt statt. Ausgerichtet wurde diese Veranstaltung vom »Projekt Bauhaus« – einer im Januar 2015 gegründeten, internationalen Initiative, die bis zum 100-jährigen Gründungsjubiläum des Bauhauses die kritische Auseinandersetzung mit den Ideen von damals in einem 5-jährigen Arbeitsprozess zur Debatte stellt. Bis 2019 soll ein aktualisierter Überblick über die Entwicklung und den Wirkungsgrad der Bauhausbewegung entstehen. In diesem Zeitraum sollen Vorträge, Ausstellungen und Publikationen zur öffentlichen Debatte beitragen.

Kann Design die Gesellschaft verändern?

In der Einleitung sprach Philip Oswalt, der ehemalige Direktor des Bauhaus Dessau, angesichts der wechselhaften Rezeptions- und Vereinnahmungsgeschichte des Bauhauses darüber, warum die ideologischen Fragen nicht das Thema der erneuten Auseinandersetzung sein sollen; vielmehr sollte die Frage nach den Verfahrensweisen und Wirkungsfeldern von Gestaltung im Dialog unterschiedlicher Positionen beleuchtet werden.
Niveau und Atmosphäre der international besetzten Veranstaltung waren geprägt von großen Namen wie Boris Groys oder Gui Bonsiepe. Trotz ausverkauften Saales und langer Schlangen an der Restkartenkasse zeigte sich der Saal aber manchmal recht leer – bei über 15 Stunden Vortrag und Diskussionen innerhalb von zwei Tagen vielleicht auch nicht ganz verwunderlich. Mit einem Livestream ins Café hatten die Veranstalter aber dafür gesorgt, dass man sich die Füße vertreten konnte, ohne vom Thema abzukommen. Das war auch wichtig, weil hier dicke Bretter gebohrt wurden: Die zweitägige Veranstaltung wurde in vier Panels gegliedert, die jeweils mit einem Podium endeten: “Gestalten wofür?”,

“Gestalten der Aufmerksamkeit”, “Gestaltung des Selbst” und “Gestaltung von Situationen”. »Gestalten wofür?«, moderiert von Lilet Breddles, gab Gedanken von Boris Groys, Lara Schrijver, John Grin und Gui Bonsiepe Raum.

Die veränderte Rolle der Gestaltung

Gui Bonsiepe, der nicht nur bis 2003 Professor für Interfacedesign an der Fachhochschule Köln war, sondern auch bekannt für seine designtheoretischen Publikationen ist, sprach in seinem Vortrag »Ungehorsam der Gestaltung«, über die veränderte Rolle der Gestaltung die er durch fünf Aspekte, wie Material-Neuerungen, Fertigungsmöglichkeiten, Arbeitsorganisation, die veränderte Bedeutung semiotischer Artefakte und nicht zuletzt der Digitalisierung des Entwerfens und der Kommunikation, erläuterte. Durch diese Veränderungen könne jeder Designer sein und zugleich Produzent – Bonsiepe mahnte aber auch: die Digitalisierung könne als Instrument zur Herrschaft missbraucht werden und ließe die Privatheit immer mehr in den Hintergrund rücken. Den GestalterInnen maß er dabei eine große Rolle zu – sie beteiligen sich an Revolutionen und seien nicht nur Beobachter. Im Gegensatz zur Kunst, die mit »Farbspritzern Einstellungen nicht nachhaltig verändern« könne, wies Bonsiepe der Gestaltung die Rolle des Problemlösers zu. Einen Appell richtete Bonsiepe an die Wissenschaft: sie müsse sich der Gestaltung nähern, um sie besser beschreiben zu können.

We need to know where we are

Der von Jörg Petruschat moderierte zweite Themenblock stand unter dem Titel »Gestalten der Aufmerksamkeit« und befasste sich hauptsächlich mit den Anwendungsgebieten des Designs. So stellte zum Beispiel Xavier Fourt vom Bureau d’Etudes aus Saint-Menoux in seinem Vortrag »We need to know where we are« Infografiken vor, die Information über die Öffentlichkeit und die sozio-politischen Machtstrukturen aufzeigen. Hier geht es vor allem um die Informationsdarstellung für einen Selbst und die Allgemeinheit, um daraus Schlüsse zu ziehen und das Handeln zu beeinflussen. Andere Vortragende waren Birger Priddat, Karin Wilhelm und Vertreter der »Planbude Hamburg«.

Wohnst du noch oder lebst du schon?

Der zweite Tag startete mit dem dritten Themenblock »Gestaltung des Selbst«. Dieser wurde von Heinz Bude moderiert, der an der Uni Kassel Makrosoziologie lehrt. Vortragende waren hier die Kunstwissenschaftlerin Margarete Vöhringer; der Professor für Philosophie in Rotterdam, Henk Oosterling; der Professor für Kulturwissenschaft in Lüneburg, Andreas Bernard und der Kulturwissenschaftler Wolfgang Ullrich.

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Wolfgang Ullrich veranschaulichte in seinem Vortrag »Konsum als Design« den Einfluss des Designs auf die Gesellschaft meiner Meinung nach auf eine verständliche und unterhaltsame Weise. Kernthese des Vortrags war, dass durch Designer neue Wirklichkeiten geschaffen werden und der Konsument sich in diese Wirklichkeiten führen lässt. Am Beispiel des Werbeslogans von IKEA – »wohnst du noch oder lebst du schon?« – macht er dies deutlich: Wohnen als Verb wird hierbei zu einer Tätigkeit erklärt, die man erlernen und erlebbar machen kann. Der Konsument findet sich in einer neuen Wirklichkeit wieder, in der er kreativ sein kann und immer aufs Neue inspiriert wird. Aber wie »wohnt« man richtig? Kann man »wohnen«, oder gar »leben« erlernen? Ullrich bringt es mit folgenden Sätzen auf den Punkt: »zum wohnen bin ich irgendwie unbegabt« oder »ich bin noch kein erfüllter Wohner«. Der Konsument sieht sich hierbei mit neuen Ängsten konfrontiert, die vorher nicht existierten. Die Macht der Designer ist in diesem Fall also immens. Als Ausweg beschreibt Ullrich ein Design, welches sich »nicht um die Verben schert«, in dem der Konsument keinem Druck ausgesetzt ist – ein Design welches das Defizitgefühl beim Verbraucher mindert. Aber wie könnte das in der Praxis aussehen?

Architektonische Utopien

Lara Schrijver moderierte den vierten und letzten Themenblock »Gestaltung von Situationen«. Dieser beinhaltete Beiträge von Luigi Snozzi, Franziska Bollerey, Christian Salewski und ZUS (Zones Urbaines Sensibles).

Hier ging es weitgehend um architektonische Utopien; die Vorstellung der idealen Stadt. Das Team von ZUS stellte eine private Initiative vor, die in einem Fünfjahresplan ein Bürokomplex in Rotterdam in ein lebendiges, städtisches Labor verwandelte. Bei diesem Projekt geht es darum, durch interdisziplinäre Initiativen neue Wege zu gehen, um die Stadt zu verändern und dabei Arbeitsplätze zu schaffen. Auch hier wurde deutlich, wie sehr Design die Gesellschaft beeinflussen kann.

Bernd Scherer, Intendant des HKW, und Philipp Oswalt moderierten am Samstag Abend die Abschluss-Diskussion, der ein Impulsvortrag von Reinhold Martin vorausging.

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Designer als Puppenspieler?

Am Ende blieben viele Fragen offen. Aus dem Publikum kamen Einwände und kritische Anmerkungen. Unter anderem, ob Designer nicht eigentlich an der Realität vorbei gestalten oder, dass die wahre Probleme der Gesellschaft kaum angegangen werden. Haben Designer tatsächlich einen großen Einfluss auf die Gesellschaft oder trifft die Politik nicht letztendlich alle Entscheidungen? Karin Wilhelm, Kunsthistorikerin und emeritierte Professorin für Geschichte und Theorie der Architektur und Stadt an der TU Braunschweig, die im Themenblock »Gestalten der Aufmerksamkeit« einen Vortrag zum Thema »Denken auf der Kippe. Notizen zur Kritischen Theorie der Frankfurter Schule« hielt, kommentierte die Einwürfe mit der Anmerkung, dass die Berufsgruppe der Designer in der Ausgangsfragestellung ebenso mit Taxifahrern oder Buchhaltern ersetzt werden könnte und die Branche sich somit deutlich überschätzt.

Als frisch gebackener Absolvent fand ich den Einwurf eines Professors aus dem Publikum am Ende der Veranstaltung erwähnenswert: »Ich habe Zweifel, ob meine Studenten überhaupt die Gesellschaft beeinflussen wollen.« Die Antwort von Christian Saleweski lautete, dass sie einen Einfluss haben, ob sie wollen oder nicht – und dessen sollten sie sich bewusst sein.

Die Komplexität der Fragestellungen um  »Can Design change society« spiegelte sich in den vielseitigen Beiträgen und Diskussionen wieder. Ich war überrascht, wie tiefgründig man dieses Thema behandeln und durchleuchten kann. Wenn mich nun jemand fragen würde, ob Design, die Gesellschaft verändern kann, würde ich Franziska Bollerey zitieren, die mein Gefühl nach den zwei Tagen zutreffend mit folgender Aussage zusammenfasste: »Auf diese Frage möchte ich mit einem deutlichen Jein antworten.«

Nach den zwei Tagen wurde mir klar, dass es eventuell gar nicht mehr darum geht, diese Fragen eindeutig zu beantworten, sondern sich über Entwicklungen und Visionen auszutauschen. Für mich taten sich hierbei jedoch zwei unterschiedliche Welten auf: Zum Einen, die »Design-Wissenschaftler«, die sich in Fachvorträgen und Symposien, wie diesem, treffen. Zum Anderen die Welt der »Handwerks-Designer«, die sich kaum oder gar nicht mit den theoretischen Aspekten von Design befassen. Bonsiepe erwähnte diesen Aspekt in seinem Vortrag, als er sagte, die Wissenschaft müsse sich dem Design annähern. Die Kluft dieser beiden Welten erscheint mir, gerade nach dem Symposium, sehr groß.

 

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