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DE-MYSTIFYING METHODS Endlich glauben, was wir längst wissen

So stellte sich zumindest die Jahrestagung 2012 der Deutschen Gesellschaft für Designtheorie und Forschung (DGTF) mit dem Titel DE-MYSTIFYING METHODS am 23./24. November in Hildesheim dar. Harmonie, Eintracht und das demonstrative Fallenlassen des Anspruchs als Wissenschaft unter Wissenschaften anerkannt zu werden, prägten dann auch die Tagung mit den Keynotes von Bill Gaver, Jesko Fezer und Karmen Franinovic.

Der Vater der Cultural Probes

Denn es kann ja so einfach sein: Bill Gaver, der Vater der “Cultural Probes” stellte in seinem Vortrag “A Simple Approach to Design-Led Research” ein Procedere in den Raum, das der Designpraxis aus der Intuition heraus wieder die Hauptrolle zuwies. Das vorgestellte Projekt “A prayer companion”, einem Display, das in einem Kloster die Sorgen und Nöte der Welt kommunizieren soll, ohne die Ruhe des Ortes zu stören, verweigerte sich dann fast sogar der typisch theorielastigen Wissenschaftlichkeit. Lassen sich aus dem Entwurf überhaupt theoretische Schlussfolgerungen ableiten, wenn laut Gaver das entstandene Objekt die Erkenntnisse verkörpert? Die Lust an der Theorie schien ihn zu ermüden, das Schreiben von Papers, so Gaver, wäre ein notwendiges Übel zur Legitimierung seines Interaction Research Studios an der Londoner Goldsmiths University. Viel lieber lässt er sich auf ungewöhnliche neue Methoden ein wie z.B. die Nutzung des Dokumentarfilms und poetischer Untersuchungen per Gedicht zur Evaluierung von Design.

Das kann nicht gut gehen – Methoden und Komplexität

war das Credo von Jesko Fezer. Fezer stellte Methoden als “Wege der Verkomplizierung” von Designprozessen dar – allerdings ohne negative Konnotation. Verkomplizierung ist auch Verlangsamung, die Zeit bringt, miteinander zu reden. Seine Beispiele kamen aus gemeinschaftlichen Bauprojekten und partizipativen Aktionen aus seiner Lehre als Professor für experimentelles Design an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg. Studierende auf Brachen in Istanbul, Studierende in Hamburger Problemvierteln: das Experiment ist immer das soziale, die Situation und ihre Problemstellungen. Und die Methoden? “Da Probleme aber komplex sind und verstrickt in die Wirklichkeit, der sie entstammen, macht diese Problemorientierung Methoden anfällig, unsauber und selbstkritisch.” Statt starrer Prozessmodelle sieht Fezer Methodik als einen Weg der bewussten und bedachten Praxis der Verkomplizierung des Designprozesses. In Anlehnung an Rittel gibt es in dieser Haltung meines Erachtens viel politische Schlagkraft zu entdecken: Denn wenn wir die Systeme, in denen Entscheidungen getroffen werden, nicht mehr idealisieren, sondern das Mühsame, das Abarbeiten und das Scheitern am Gegenüber und letztlich auch an uns selbst erkennen, bleibt Raum für Wirklichkeit.

Karmen Franinovic zeigte in der dritten Keynote der Tagung in Hildesheim, “Naïveté as a Way of Working with Interactivity”, wie wichtig das unklare, ergebnisoffene Experimentieren, das Performative in ihrer Forschung ist. Sie leitet das Interaction Design Labor an der Zürcher Hochschule der Künste.

Was der Tagung fehlte, war die Reibung – jetzt wo der Kampf um die Anerkennung durch die Wissenschaften vorbei zu sein scheint, hatte man den Eindruck das vieles ungesagt blieb. Die neuen Generationen von DesignerInnen sind gestandene ForscherInnen geworden, die genau wissen, welche Methoden sie wann und wo aus anderen Fachgebieten übernehmen können, das beweisen die steigenden Zahlen an Doktoranden. Die vermissten dann auch eher den pragmatischen Austausch darüber, wie Methoden genau einsetzbar sind und welche sich bewähren.

Am zweiten Tag Aktion: 12 5-minütige Projekt-Vorstellungen gaben einen groben Überblick über die Bandbreite derzeitiger Forschungsprojekte und Abschlussarbeiten. 4 Workshops luden die Teilnehmerinnen danach zum mitmachen ein.

Harald Gründl stellte in “Werkzeuge für die Designrevolution” die Frage nach dem “grünen” Design und den Werkzeugen dafür. Die sind überwiegend praktischer Natur: Hammer und Schraubenzieher trennen die Materialien aus den Produkten, Waage und Strommessgerät helfen den Verbrauch von Ressourcen zu bestimmen und lassen mit einfachen Algorithmen berechnen, welchen CO2 Output man bei welchem Produkt zu erwarten hat. Gründl war angetreten, das kompliziert und abstrakt scheinende begreifbar zu machen und fragte: “Warum sollte man überhaupt etwas gegen Klimawandel, Abfall und Konsum unternehmen?” Die Antwort blieb die überwiegend aus Professoren bestehende Teilnehmerschaft schuldig. Denn gerade das Imaginieren zukünftiger Nachteile ist eines der großen Probleme im Umgang mit Umweltfragen – das immerhin haben Psychologen schon herausgefunden. Es ist also nicht die Vernunft, die uns hier weiterhilft, sondern tatsächlich die Fantasie.

Andere Workshops hießen: “Methode als Gestaltung – Gestaltung als Methode?” von Michael Rehberg, Angelika Trübswetter und Jonathan Schraudner von der Fraunhofer-Gesellschaft und “Partizipatives Design und Autorschaft” geleitet von Jennifer Schubert und Andreas Unteidig (Design Research Lab, UdK Berlin). Der 4. Workshop experimentierte mit geheimen Dessertzutaten auf Basis der Fibonaccireihe (ja, wirklich).

De-Mystifying Methods?

Als Design noch kämpfte, waren die Tagungen mitunter spannender. Allerdings scheint nach der jahrelangen Selbstverortungsschlacht innerhalb der Szene wieder der Blick nach Außen möglich. So waren die Themen doch ganz auf Kooperation, Partizipation und Inter- und Transdisziplinarität konzentriert. Dass Methoden in diesen Strukturen nur bedingt hilfreich sind, ist eine wichtige Erkenntnis. Situationen statt Modelle sind wichtig, das Einfühlen, das Öffnen der Teilhabe an gesellschaftlichen Diskursen. Wenn Design sich – wie in den Tagungsbeiträgen und in Michael Erlhoffs Dinner Speech – wieder dem Ambigue, der Naivität und dem Scheitern an “unsauberen”(Fezer) Problemstellungen widmet, heißt das, die offene Qualität der Forschung im Design zu betonen.

Glauben statt Wissen

Das Gegenüber gehört zwingend zum Design – und kaum hat man mehr Hospize, Schulen, Altenheime und Klöster als Schauplatz von Designprojekten gesehen; Krankenhäuser, Kindergärten und Design-Ambulanzen in verarmenden Städten. Wäre es nicht an der Zeit, über die Herangehensweisen und Haltungen zu sprechen, die uns auf besondere Weise für relevante Designprobleme empfänglich machen? Die wirklichen Mythen der Design-Praxis stecken nämlich in der Imagination. Und geht es bei diesen Mythen nicht vielmehr um Glauben als um Wissen? Wissen hat uns bisher in der Bewältigung gesellschaftlicher und ökologischer Katastrophen oft nicht so weit  helfen können, wie wir uns es wünschten –  weil es wie eine Währung an Machtstrukturen gekoppelt ist.  Vielleicht ist ja der imaginierende Part des wissenden Designers wieder gefragt, wenn es um die Umsetzung gesellschaftlicher Ideen von Teilhabe und Diskurs geht?

Wie Eva Horn im Merkur (Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken) 12/2012 in ihrem Text “Das Wetter von übermorgen” im Zusammenhang mit der Klimakatastrophe die konsequente Nutzung von Fiktionen zur Findung von Handlungsoptionen vorschlägt: “Statt zuzusehen, wie andere »daran glauben müssen« oder von einer vom Menschen befreiten Erde zu träumen, wäre die Aufgabe, Fiktionen eben jenen heuristischen Wert zuzuschreiben, den auch wissenschaftliche Szenarien haben. Sie können uns in einer ganz praktischen Weise darüber aufklären, was uns möglicherweise bevorsteht. Und sie könnten uns helfen, endlich zu glauben, was wir längst wissen.”

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