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Design Literatur: Böse Form. Oder: “The good the bad and the ugly”

Ach wenn es denn so einfach wäre wie in Sergio Leones Western von 1966. Hier jagten die Guten die Bösen und nach dem Showdown war alles ein wenig klarer.

“Die Gute Form” gegen “Böse Form” ist viel schwieriger.

“Die Gute Form” ist ein Begriff, der 1957 von Max Bill als Titel seines gleichnamigen Buches aus der Taufe gehoben wurde. Der Werkbund, der damals junge Rat für Formgebung – alle lehnten sich an Titel an und organisierten fleißig Ausstellungen mit funktionalistisch geprägtem Design,   Kataloge und Musterkoffer, die klar machen sollten, welches Design für Industrie und Haushalt denn das “Gute” sei. In der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg markierte die “Gute Form” laut Designhistoriker Gert Selle einen Bruch mit dem stromlinienförmigen Design des Wiederaufstiegs “Als neuer Trend markierte sie [die neue Form] »deutlich einen Bruch mit der Phase des Wiederaufstiegs« und durch ihr funktionalistisch betontes Gestaltungsalphabet wurde »die vorher gültige dekorative und veraltete Stromlinienform auch rezeptionsästhetisch „unmodern“.« (Selle: Geschichte…, a.a.O., S. 186 u. 189)

Inwiefern der ethisch-moralische Implizit des Titels damals mit gedacht wurde, lässt sich kaum sagen, denn die noch ganz neue Disziplin Design war gerade in den Zeiten nach dem Krieg bitter nötig – Investitionsgüter, aber auch der wohlhaber werdende Haushalt brauchte funktionierende “gute” Produkte. “Die Gute Form” war ein Label für Qualität “made in Germany”, das beispielsweise über gleichnamige Ausstellungen im Ausland bekannt gemacht wurde.

Längst hat sich das Design in Deutschland weiterentwickelt. Was geblieben ist von der “Guten Form” ist ein diffuser ethisch-moralischer Anspruch an Geschmacksfragen und eine seltsame moralische Überhöhung der Moderne.

Es scheint fast unmöglich zu sein unter den Gestaltern eine differenziertere Sicht auf  “the good, the bad and the ugly” anzutreffen. Im Produktdesign besonders. Vielleicht hilft es ja, Licht ins Dunkel dieser Unfähigkeit, über Geschmack zu sprechen zu bringen, in dem man sich nach der “guten”  nun auch einmal der  “bösen Form” zuwendet.

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Katalog der Ausstellung “Gute Form” des Rats für Formgebung 1962 in London gegen “Böse Form. Design an den Grenzen des guten Geschmacks” Karen Bofinger (Hrs.) Birkhäuser Verlag

Die Neuerscheinung “Böse Form. Design an der Grenze des guten Geschmacks” aus dem Birkhäuser Verlag spricht davon: vom Witz der Scherzartikel, von der Schwierigkeit der kontextuellen Einbettung von gesellschaftlichen Normen in Formen, aber eben auch von Formaten des Pennäler- Fäkal- und Galgenhumors.

Auf 120 Seiten bekommt man Eigenheiten serviert, über deren “Gut” und “Böse” noch zu bescheiden sein ist. Und endlich dringt man auch tiefer in die Frage der Tiefe der ironischen Brechung von Sex, Genitalien, Eingeweiden, Körperflüssigkeiten und Verfall im Design. Worüber “darf” man eigentlich lachen? Und wie lange?

Die Absichten der Designer dieses “Zeugs” (gilt da Sloterdijks Definition noch?) sind verschieden: Einige wollen einfach nur provozieren, andere witzig sein; manche lieben das Sublime, andere wollen ein politisches Statement abgeben. Das Buch bildet wunderbar ab, dass die Form allein diese Unterschiede in der Intension nicht automatisch transportiert. “Böse Form”!? Denn ob Weihnachtsschmuck in Handgranatenform die Ästhetik des Krieges in die Haushalte bringt oder man sich an die Kriegsschauplätze der Welt erinnert fühlt und spendet – ist in der Form erst einmal nicht geklärt.

Aber auch der Witz, die ironische Brechung gerade im Autorendesign hat seine Grenzen. Volker Albus erklärt uns, dass viel zu viele Stücke  formal unergiebige one-liner sind, zum Beispiel Philippe Starcks Lampen aus Kalashnikows und seine müßigen Erklärungen zur Formfindung oder die sexistischen Möbel des völlig überrepräsentierten Fabio Novembre. Rainer Funke, Designprofessor an der FH Potsdam und Spezialist für Moralfragen, untersucht, wie gerade Witze unsere moralischen Standards ans Licht bringen – und uns so die Chance geben, sie zu überprüfen. Die Herausgeberin Karin Bofinger beschäftigt sich mit wirklich bösem Kitsch wie blank ziehenden Gartenzwergen oder Autounfällen auf Porzellantellern.

Und das Buch? Dem Buch ist sehr hoch anzurechnen, dass es nicht die moralische Keule schwingt, sondern, – auch in den äusserst gelungenen frei assoziierten Bildunterschriften – Meinungen und Kritik, also Unterscheidungen zwischen Phänomenen hervorbringt. Dabei langweilt man sich keine einzige Minute. Selbstironie blitzt bei soviel Amusement und dem süffisanten Blick auf das Design auch durch, ein seltenes Erlebnis in der kritischen Szene Deutschlands.

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Für welches Penismotiv würden Sie sich entscheiden?

Und dabei rüttelt das Buch auch wach, und es weist auf  verunsichernde, ja verstörende Momente hin: Denn wie unterscheidet sich die Penis-Vase von Ettore Sottsass moralisch von anderen Artikeln mit Penismotiv? – Böse Form. Differenzieren ist soo anstrengend. Postmodernes Abreagieren natürlich auch im Web, wo sonst: Designjail.

Insgesamt ein gelungenes Büchlein, nicht enzyklopädisch, nicht bahnbrechend – aber anregend, sich auch über scheinbar klare geschmackliche Abgrenzungen Gedanken zu machen. Einziges Manko, wie oft bei Birkhäuser: Der Preis. 29.90 ist ziemlich stolz. Trotzdem: Kritik mit stilistischer Leichtigkeit und Meinungsvielfalt zu vereinen verdient einen Sonderpunkt.

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