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DESIGN VS. EVIL

Nachdem ich einige Jahre die formschönen Seiten des Produktdesigns in der Universität erprobt hatte, galt es das Studium mit einer Abschlussarbeit zu beenden. Viele angehende Designer wollen in ihrem Abschlussprojekt ein Thema abhandeln, das ihnen besonders am Herzen liegt oder das ihre weitere Laufbahn prägen soll. Bereits im Frühjahr 2011, im Exposé zu meiner Diplomarbeit für die Professorin, lauteten die ersten Sätze, die ich niederschrieb: „Im Hinterhof meines Wohnhauses stehen sechs schwarze Mülltonnen, zwei blaue Papiertonnen, zwei Altglastonnen und eine Bio-Tonne. Mir fällt die große Menge an Müll auf, denn er liegt auf der Tonne, neben der Tonne, vor der Tonne – einfach überall.“ Der katastrophale Zustand unseres „Müllplatzes“ und der Umgang der meisten Bewohner mit ihrem dort platzierten Müll rahmten die Sorgen und Gedanken, die ich damals zum Thema Müll hatte, in ein Bild (siehe Abbildung 1: Der „Müllplatz 2011).

Die faktische Situation in meinem Hinterhof hat sich nur marginal geändert: Es stehen nunmehr drei statt der zwei blauen Papiertonnen. Doch der Kontext des Ortes hat sich über die letzten zwei Jahre durchaus geändert. Es wohnen nun weit weniger Menschen mit Migrationshintergrund in unserem Wohnhaus. Der Stadtbezirk ist gerade sehr im Trend, sodass viele junge Leute hier herziehen und mit erheblichem finanziellen Aufwand die maroden Altbauwohnungen in Eigenleistung sanieren. Das alles hat Auswirkungen auf unseren Müllplatz. Vor kurzem ist unser Hinterhof „renoviert“ worden. Die Mülltonnen erhielten ihre eigenen vier Wände – eine hölzerne Einfassung, die dem wilden Mülltreiben eine manifestierte Reglementierung entgegenstellt (siehe Abbildung 2: Der renovierte Müllplatz 2013). Um die Mülltonnen herum ist alles planiert worden, sogar ein Baum wurde gefällt. Ordnung muss sein. Die Mülltonnen sind gut sichtbar versteckt hinter Holzpalisaden.

Müllplatz2013

Es hat sich nicht nur in meinem Hinterhof etwas getan – auch anderen Orts ist von Verbesserungen und Erneuerungen in der Abfallwirtschaft zu hören. Ja, die Thematik wird in einigen Sparten (z.B. Nahrungsmittelabfälle) erschöpfend, in anderen Sparten (z.B. Weltraumschrott) kaum gesellschaftlich diskutiert. Mittlerweile arbeite ich an meiner Dissertation zum Thema „Müll als Werkzeug im Designprozess“ und schon im Zusammentragen der Grundlagen drängt sich mir eine erschreckende Erkenntnis auf:

Deutschland hat kein Müllproblem

Dazu muss ich ein wenig ausholen. Deshalb setzt sich die Recherche gewissermaßen vor der eigenen Haustür fort. Deutschland ist das Mutterland der Mülltrennung. Hier wurde sie erfunden, hier wird sie kostenfrei vom Bürger übernommen und hier wird eine nicht detailgetreue Einhaltung als Verbrechen bestraft.

Im Jahr 1991 wurde „Der Grüne Punkt“ von der Duales System Deutschland GmbH eingeführt und nach einer kurzen Phase der Kritik begann sich das Bild von Deutschland zu ändern. In deutschen Küchen fand man nun nicht mehr nur Abfalleimer, sondern bis zu fünf verschiedene Behälter. Das Trennen und Sortieren wurde zum Volkssport, Recyclingquoten kletterten langsam in die 60 %-Zone und Verwertungs- und Entsorgungsunternehmen erstellten sich „Der Grüne Punkt“ wurde zu einem Symbol der Umweltfreundlichkeit. Das „recyclingfähige Wegwerfen“1 gehört zur gesellschaftlichen Ordnung und beendet weitere Gedanken über die angehäufte Müllmenge.

Auch Kinder wissen schon, dass die versemmelte Matheklassenarbeit in die blaue und die leere „Bifi“-Verpackung in die gelbe Tonne gehören. Recycling hat einen nicht zu unterschätzenden „feel-good“-Effekt in der breiten Bevölkerung. Der Müll, der in eine Gelbe Tonne wandert, oder von dem man weiß, dass er recycelt wird, gibt einem das Gefühl, sich umweltfreundlich verhalten zu haben. Die Industrie hingegen akzeptiert Recycling als Alternative zu radikalen Veränderungen, wie Verbote bestimmter Materialien oder Produktionsprozesse, Minimalstandards für Produktdauer oder höhere Standards für Ressourcenextraktion. So hat man jetzt erkannt, dass mit den losen Vorgaben des Gesetzgebers in Sachen Recycling durchaus Geld zu verdienen ist. Stichwort ‚Energetische Verwertung‘: Laut Gesetz dürfen zwei Drittel des in Deutschland anfallenden Wertstoffmülls verbrannt werden. In Sortieranlagen wird der Müll auf Fließbändern nachsortiert, gescannt, getrennt und schließlich geschreddert. Das Ergebnis sind feine Flusen, die nun als sogenannter Ersatzbrennstoff in Zementfabriken verbrannt werden. 35 Prozent des Wertstoffmülls werden derzeit als Ersatzbrennstoff verwendet. 2

Tatsächliches Recycling, also die stoffliche Verwertung, die Materialien befähigt in Benutzung zu bleiben, reduziert die Nachfrage nach neuen Rohstoffen. Im idealsten Fall würde aus einer Plastikflasche immer wieder eine Plastikflasche werden. Dem ist aber nicht so. Aufgrund der hohen Qualitätsverluste beim Material und den hohen Hygienestandards für Neuprodukte durchlaufen die meisten Materialien ein Downcycling. So wird in einem allmählichen Prozess aus einem Primärprodukt (z.B. ein Getränkekarton) ein Sekundärprodukt (z.B. Hygienepapier) und schließlich ein Häufchen zu verbrennender Restmüll.3

Downcycling heizt dementsprechend die Nachfrage nach Primärprodukten weiter an und hat kaum einen Einfluss auf den Rohstoffverbrauch für das Primärprodukt.
Obwohl es also durchaus als Auslegungssache angesehen werden kann, was genau Recycling bedeutet, gibt sich das dahinterliegende System äußert herrisch. Ein Verstoß gegen die aufgestellten Trennregeln wird in Deutschland mit einem Bussgeld bestraft. Alles, was keine Verpackung ist, darf vielerorts nicht in die >Gelbe Tonne. Obwohl es technisch und auch administrativ durchaus möglich ist auch andere Kunststoffabfälle zu verwerten, wie das Beispiel Berlin Wertstofftonne zeigt. Eine Kunststoffbox oder eine Zahnbürste gehören in den meisten Teilen Deutschlands derzeit noch nicht in die Gelbe Tonne. All dies sei gesagt um den „Gegenspieler Müll“ zunächst einmal zu charakterisieren.

Müll, die Schattenseite des menschlichen Seins, wird zu einem immer komplexeren Konstrukt aus Zuweisung und Abweisung. Dann wiederum erscheint es durchaus logisch, wenn auf dieser Schattenseite Verbrechen, Strafe und Sühne entscheidende Rollen spielen. „Schuldkomplex“ nennt es Michael Braungart, einer der Erfinder des „Cradle-to-Cradle“-Konzepts.4 Deutschland setze im großen Stil Müllverbrennungsanlagen ein, um „die bösen Müllgeister“ zu vernichten.5

Von der Tonne zum Strudel

Das alles erscheint ziemlich kompliziert, doch die erstaunliche Erkenntnis, von der ich eingangs sprach, steht kurz bevor. Noch einmal zusammengefasst: die aktuelle Abfalldebatte verdichtet sich vornehmlich um sogenannte Abfallströme – artgleiche Fraktionen von Abfällen, von Maschinen zur Unkenntlichkeit zerkleinert. Es sind diese „Flusen“, die recycelt werden. Sie sind nicht mehr erkennbar als PET-Flasche oder Zahnpastatube. Diese Wandlung des Müll in einen anderen „Aggregatzustand“ findet derzeit noch nicht direkt an der Mülltonne oder im Haushalt statt. Im Privatraum werden immer noch Objekte entsorgt. Der ‘Gatekeeper’ ist der Mülleimer bzw. die Mülltonne, die sich meist außerhalb der Wohnräume befindet. Am Bild der Mülltonne hat sich auch nach fast 30 Jahren deutscher Entsorgungsgeschichte nichts geändert. Die Tonnen sind Entitäten der Ordnung. Sie ordnen den Müll und sie ordnen unser Zusammenleben indem sie das Nicht-Gewollte vom Gewollten trennen und uns damit entlasten. Die Mülltonne ist im weitesten Sinne ein Container für das nicht näher zu bestimmende Chaos. In ihr der Müll, außerhalb die Ordnung. Trotz ihres veränderlichen Inhalts und den Rollen unter ihrem Boden ist sie ein starres Objekt mit einer starren Funktion. Obwohl eine Mülltonne allenfalls die Schnittstelle zwischen ‚Reinem‘ und ‚Schandhaften‘ darstellt, wird sie selbst nie ohne ihre zugeordnete Funktion der Verhüllung des Unrats gesehen oder bewertet. 6

Ohne solche greifbaren Grenzen, wie die Mülltonne eine darstellt, erwächst Müll zu einem bedrohlichen Mythos. Abfallströme begegnen uns nun überall als Aggregatzustand des Mülls. Kaum ein Phänomen, das sich im Bereich der Thematik Müll abspielt, hat so schnell „Karriere“ gemacht wie der sogenannte „Müllstrudel“ 7 in unseren Weltmeeren. Doch dort bietet sich dem Betrachter nicht das Bild eines geschlossenen Müllteppichs aus Zivilisationsmüll. Es handelt sich vielmehr um kaum sichtbare Partikel aus Plastik, teilweise unter der Wasseroberfläche.

Obwohl dieser „Strudel“ vor allem auf mikroskopischer Ebene zu beobachten ist, wird diese Bildlosigkeit in der breiten Gesellschaft als schlimmste Stufe der Bedrohung durch Müll akzeptiert. Dabei stellt das Meerwasser gewissermaßen die neue Dimension dar, in die sich der Müll vorgekämpft hat. Dass man ihn zuweilen mit dem bloßen Auge nicht mehr erkennen kann, er sich unsichtbar auflöst und verbreitet, vermehrt die von ihm ausgehende Bedrohung. In diesem neuen „Feindbild“ des Abfalls findet der Mensch sich dennoch besser zurecht als in dem vorangegangenen Feindbild des wilden heterogenen Müllbergs am Wegesrand, der Rückschlüsse auf Gewesenes und Besitzer zuließ. Die Involviertheit des Einzelnen spielt in der „Strudeldimension“ wie auch in der „Stoffstromdimension“ des Mülls kaum eine Rolle, denn sie stellt sich ihm als diffuse Ganzheit gegenüber.

Transformer: Müll

Es geht hier um eine unbemerkte oder zumindest unkommentierte Transformation des Mülls hin zu einer „Übermacht“. Es scheint sich um eine Externalisierung der menschengemachten Probleme in eine weniger sichtbare Ebene zu handeln. Dazu möchte ich ein letztes Beispiel benennen, das die substanzielle Veränderung von Müll beschreibt.
Unser Orbit ist übersät mit Satelliten und Sonden8, sie sind die Garanten für das Informationsnetworking und die globale „Real-Time“. Aber auch diese hochtechnologischen Dinge haben irgendwann ausgedient und für ihre Entsorgung gibt es keinen Plan. Der zunehmende Weltraumschrott beunruhigt die Weltraumbehörden schon seit einiger Zeit. Bis zu 300.000 Objekte ab einem Zentimeter Größe kreisen mittlerweile um die Erde9. Dabei sind die Teile, die in die Erdatmosphäre eindringen, kaum eine Gefahr für uns, sie verglühen meist vollständig beim Eintritt. Für die Raumfahrt jedoch sind schon kleinste Teile eine sehr große Bedrohung. Sie können wichtige Systeme an der Außenhülle einer Raumstation oder gar die Außenhülle selbst beschädigen oder zerstören. Ein großes Trümmerteil kann rechtzeitig entdeckt und umflogen werden, sehr kleine Objekte machen dieses Manöver ungleich schwieriger. Überall wo der Mensch hingeht, verursacht er Müll. Dabei ist unser Müll widerstandsfähiger als wir selbst. Zentimetergroß lässt er die milliardenschwere Raumfahrtindustrie zusammenzucken und bedroht damit womöglich auch unsere Fernsehgewohnheiten.

Gewiss ist, dass die den Menschen eigene kulturelle Praktik des Entsorgens ausufert, über die Grenzen unserer Welt, unseres Daseins hinaus. ‘Müll’ erscheint so eher als verniedlichender Kosename für eine übermächtige Kraft. In der Auflösung ihrer Form entzieht sie sich langsam aber stetig der Kontrolle des Menschen, breitet sich aus und kriecht in jeden Winkel des Planeten.

TRASHBUSTERS: A NEW TOOL FOR DESIGNERS

Die Problematik Müll verlangt eine neue Sichtweise. Ich denke, wenn es der Abfall schafft, seine Gestalt und Bedeutung so grundlegend zu verändern, so müssen sich auch die Lösungsstrategien ändern. Dazu befähigt sind Designer! Sie schauen nach kulturellen Praktiken, sozialen Kontexten, ökologischen Konditionen, sinnvollen Funktionen und ästhetischen Formen. Es liegt in ihren Händen, die Artefakte der Zukunft (dabei beginnt Zukunft im nächsten Moment) daran zu hindern in die Auflösung in Ströme überzugehen. Die dazu nötigen Werkzeuge stelle ich in meiner Forschungsarbeit zusammen. Zum größten Teil handelt es sich dabei um das Lesen aus dem designrelevanten Potenzial des heutigen Mülls. Bevor der Abfall seine Form aufgibt und in Ströme, Strudel oder Umlaufbahnen übergeht, stellt er seine Biografie zur Schau. Wie lange wurde er genutzt? Ist er intakt? Wurde er gefaltet, geknittert oder gebettet? Warum wurde er entsorgt? Wie wird in welchen Kontexten weggeworfen? Ist das Wegwerfen nicht auch ein lustvoller Akt? Ist es nicht auch etwas, das uns alle vereint? Im Gegensatz zu dem, was der Mensch über sich erzählt, ist sein Müll eine verlässliche Quelle für Informationen dieser Art. Ein Werkzeug für Designer im besten Sinne.

Susanne Hausstein
Blog: entsorgen.studiofroh.de

  1. Vgl. Windmüller 2004.
  2. Naber/Edelhoff et. al. 2013.
  3. Trenntstadt Berlin 2013.
  4. Das „Cradle-to-Cradle”-Konzept versteht sich als Kontrast zu der bisher gängigen Sichtweise auf Produkte und Produktionsabläufe. Unter ihrem Credo „Von der Wiege bis zur Wiege“ verstehen sie ‘Ökoeffektivität’. C2C-Produkte werden aus recycelten Materialien hergestellt und bilden, wenn sie Abfall sind, ihrerseits den Rohstoff für neue Produkte. Braungart und sein Partner McDonough hatten die Idee, alle Materialien grob in zwei Klassen zu unterteilen: in „biologische“ und „technische Nährstoffe“. (Braungart / McDonough 2009: 104.)
  5. Boeing 2013.
  6. Vgl. Windmüller 2004: 92ff.
  7. Der „Great Pacific Garbage Patch“, 1997 entdeckt, ist ein Meereswirbel, der zwischen Hawaii und Kalifornien liegt. Anfang 2008 zirkulierten etwa 100 Millionen Tonnen Kunststoffmüll (mit steigender Tendenz) in dem Müllstrudel. (Marks Howden 2008.) Aus Wasserproben errechnete der Wissenschaftler Moore eine Menge von ungefähr 250 Gramm Plastikmüll pro hundert Quadratmeter. Und das auf einer Fläche so groß wie Mitteleuropa.
  8. Es befinden sich derzeit (Stand Juni 2013) 1071 Satelliten im Erdorbit. (Quelle: Union of Concerned Scientists (USA), URL: ‹http://www.ucsusa.org/nuclear_weapons_and_global_security/space_weapons/
    technical_issues/ucs-satellite-database.html›. Stand 25. Juli 2013.)
  9. Quelle: ESA, NASA. Stand 25. April 2013.

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2 Kommentare

  1. […] spannendes „Müllnetzwerk“, das wir aufgebaut haben. Da ist vor allem die Initiatorin von designkritik, Prof. Birgit S. Bauer, zu nennen. Aber es gab und gibt auch Gespräche mit dem städtischen […]

  2. Graf E.T.,

    Sehr schöner, kurzer und zusammengefasster Text über die scheinbar deutlich erkennbaren, bewussten Probleme und Auswirkungen, welche uns der Müll und somit doch letztendlich unser Konsumverhalten eingebracht hat.

    Doch inwieweit kann der Berufsstand der Designer dies nutzen? Die bekannten Auswirkungen wird er nicht mehr rückgängig machen können. Und durch eine Wieder- oder Weiterverwendung der Abfälle wird sich die Sichtweise auch nicht großartig ändern, sondern lediglich der Zeitpunkt der Transformation des Abfalles herauszögern.

    Letztendlich muss doch aus der Informationsquelle Müll das Fazit sein, diesen zu reduzieren, bzw. gänzlich zu vermeiden. Somit ist der schlussendliche Weg der Designer über bessere Alternativen zum Abfall nachzudenken.

    Mehr muss dann aber von anderer Seite geschehen, ob von politischer oder wirtschaftlicher.
    Denn es zeigt sich deutlich das Müll uns nicht nur in seinen Auswirkungen bedroht, sondern auf der anderen Seite auch zu einem wirtschaftlichen Faktor geworden ist. Denn nicht umsonst erwirbt die BRD Müllcontainer im Wert von mehreren Millionen Euro von Übersee um die Müllverbrennungsanlagen am laufen zu halten und somit keine Verluste einzufahren. Und dagegen ist der Designer doch machtlos?