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Eine Urne für Steve

Sieht so die Zukunft aus?Auf den ersten Blick hielt ich die Aktion für einen gut gemachten Hacker-Witz auf Apples Website. Dieser Eindruck verblasste jedoch schnell — sie meinen es wahrlich todernst mit diesem Produkt.

Seitdem Apple nicht mehr unter der Regentschaft des verstorbenen Firmengründers und Firmenexzentrikers Steve Jobs steht, musste sich das Unternehmen große Zweifel im Bezug auf seine Innovationsfähigkeit gefallen lassen. Bei der neuesten Produktpräsentation ließ sich Apple-Geschäftsführer Phil Schiller dann vor versammeltem Publikum zu einer defensiven Bemerkung hinreißen: “Can’t innovate anymore my ass!” (“Wir können nicht mehr Innovativ sein? Am Arsch!”). Eine Prise vulgärer Jugendjargon für den Global Player – wie mutig!

Nach Jahren der hellen, feingearbeiteten Maschinchen, mit denen sich Firmen-Chef-Designer Jonathan Ive in die ungenauen Fußabdrücke von Dieter Rams begab, ist es plötzlich also Zeit für einen Gegensatz, der größer kaum sein könnte.

Der helle Aluminium-Tower des Vorgängers ist einem monolithischen schwarzen Zylinder gewichen. Anmutung und Technik folgen dabei vor allem dem Mantra: “Höher, schneller, kleiner”. So bringt der neue Rechner mit seinen kompakten Ausmaßen von 25cm in der Höhe und knapp 17cm im Durchmesser einen merklichen Platzvorteil auf dem Schreibtisch mit sich. Gekleidet ganz in Schwarz, mit glänzender Oberfläche und so aalglatt wie möglich, gleitet an diesem Computer alles ab. Nur keine Kritik.

Ein tiefes Loch am oberen Ende verweist auf einen versenkten Lautsprecher, dahinter eine fächerartige Kühleinheit. Spätestens der Blick auf das dreieckige Kühlaggregat dürfte die eine oder andere Star Wars Assoziation aufkommen lassen. So verweisen die Produktfotos, ebenfalls auf schwarzem Grund, an keiner Stelle auf die schönen äußeren Details, auf die stimmige Sprache, mit der uns die vorhergehenden Produkte gesagt haben: Hier musst du mich öffnen. Da sitzt der An und Aus Knopf. Hier kannst du mich greifen und durch das Büro tragen, wenn es denn nötig ist. Solche Details existieren nämlich gar nicht erst, denn der Computer verzichtet an seiner Vorderseite komplett auf jegliche Form von Bedienelementen. Das macht das Objekt in seiner Anmutung unheimlich verwechselbar: Ein Mülleimer, ein Zylinder, ein Aschenbecher. Das Objekt ist als ein physisches Artefakt in seiner Sprache völlig verstummt, es kommuniziert nicht mit dem Benutzer. Wer diesen Computer einschalten möchte, der muss seine Hand zunächst hinter das Gerät führen. Dort ist dann, zwischen allen Kabeln und USB Ports, die auch eher am Vordergehäuse sinnvoll platziert wären, irgendwo der Ein- und Ausschaltknopf.

So fackelte Apples Werbeabteilung auch nicht lange: Nach wenigen, nichts sagenden Bildern des Gerätes im Auslieferungszustand, stürzt man sich mit Vorliebe auf das Innere der Kapsel, zeigt auf zahlreichen Abbildungen mit Stolz jedes Käbelchen und jede innere Leistungseinheit mit penibler Genauigkeit und ausgiebiger Beschreibung. Wirklich interessant sind diese Ausführungen aber leider nur für IT-Kenner. Offensichtlich will Apple eine echte Arbeitsmaschine erschaffen, bis unter die Zähne mit Arbeitsspeicher, Terabyte und Benchmark-Werten bewaffnet.

Die Reduktion in der Gestaltung schlägt sich dabei aber auch in der Hardware-Ausstattung nieder. Fachkreise bezweifeln bereits die tatsächliche Erweiterbarkeit des Systems, herrührend aus der extremen Minimierung seiner Ausmaße und bemängeln die drohende Notwendigkeit externer Medien, die zur Ergänzung nötig sein könnten. Zum Beispiel in Form eines sogenannten Thunderbolt-Displays, das die USB Anschlüsse dahin holt, wo sie erreichbar werden. Dass derlei erzwungene Erweiterungen ein höchst profitables Geschäft für Apple darstellen, ist allerdings nichts Neues.

Zudem wird gänzlich auf physische Laufwerke für CDs und DVDs verzichtet. Das macht alle Speichermedien in diesem Format dann wohl obsolet. Das bedeutet: Ein Computer, der in erster Linie für den Umgang mit Daten und das Archivieren von Daten erdacht ist, ist mit einem großen Teil der gängigen, wenn auch teilweise antiquierten Speichermedien inkompatibel. Allzu viel ist der gnadenlosen Kompaktheit, dem effizienten Ausnutzen eines möglichst kleinen Volumens geopfert. Aus dem bekannten Leitsatz des Verzichts auf das Unnötige ist längst ein Verzicht auf das Nötigste geworden.

Sicher wird auch dieser neue Computer Menschen gefallen und sicher gibt es die Argumente für eine kreisförmige Anordnung der Bauteile, die die eigentümliche Form ergeben. Leider verzichtet das Gerät aber auf eine differenzierte semantische Kommunikationsebene und besitzt deswegen eine Anmutung, die so anonym und dabei nichtssagend ist, als es der absurden Filmwelten Jacques Tatis’ entsprungen. Die Magie, die Apple Produkte mit ihren pulsierenden Stand-By Lichtern gekonnt aufkommen ließen, ist einem einzigen Fragezeichen gewichen.

Es wird immer deutlicher, dass nun scheinbar auch Desktop-Computer die Design-freie Zone der Smartphones und Tablets erreicht haben, die, vom Herstelleremblem abgesehen, kaum mehr von einander zu unterscheiden sind. Solchen Produkten ist dieser Umstand allerdings eher zu verzeihen, sie bestehen ja schließlich (fast) nur aus Display.

Der klare Bruch in Apples Gestaltungstradition hat ganz nebenbei zur Folge, dass alle bereits bestehenden Hardwaresegmente wie Tastaturen, Maus, Adapter ins Niemandsland der stilistischen Unkombinierbarkeit geschickt werden. Was soll der auf stimmige Schreibtisch-Arrangements wertlegende Apple Kunde mit einer silbernen Tastatur, kombiniert mit einem silbernen Monitor, in Verbindung mit einem tiefschwarzen Gebilde, welches auch noch das Zentrum von all dem darstellt? Man stelle sich nun all die lichtdurchfluteten Grafikbüros vor, all die Empfangsräume und bunten Designstudios, die nun demnächst mit diesem schwarzen Loch auf ihren Schreibtischen umgehen müssen.

Was hätte Sigmund Freud wohl davon gehalten, dass Apple nun Urnen designt? Hat sich da etwa das Trauma um den frühen Tod des strahlenden Firmenchefs, ganz unbewusst, sublim zu einem Pietätsmöbel materialisiert? Freud hätte sicherlich nicht erwartet, dass ein Weltunternehmen mit solchen Mitteln, mit solchen Köpfen in der Designabteilung, mit dieser stilbildenden Relevanz und dem Status als wertvollste Marke der Welt seine hauseigene Neurose so sehr nach außen kehrt.

Immerhin: In den neuen Betriebssystemen für Mac und iPhone ist die Benutzeroberfläche tatsächlich, wenn auch längst überfällig, die ein oder andere skeuomorphe Anmutung losgeworden. Der Kalender iCal besitzt demnächst, Gott sei Dank, keinen hellen Ledereinband mit strukturierter Naht mehr. Die Icons im iOS für das Iphone sind erfrischend heruntergebrochen, dass sie ein Otl Aicher, würde er noch leben, schon mal nicht mehr grundlegend verfluchen müsste. Dabei gibt sich das neue Interface trotz neu gewonnener Schlichtheit durchaus effektvoll: Grelle und ausgesprochen mutige Farbverläufe in den Icons, Milchglas-Anmutung in den Fenstern.

Auch in der Schrift hat sich etwas getan: iOS 7 präsentiert in allen Anwendungen eine Helvetica Neue Ultralight, die so feingliedrig und fragil erscheint, dass jeder lebendige Hintergrund die Lesbarkeit merklich einschränkt. Erik Spiekermann bezeichnet die Entscheidung zu dieser Schrift als einen typischen Fehler junger Designer, die mehr auf ein schönes, homogenes Schriftbild setzen als auf gute Lesbarkeit.

Zusätzlich sorgt ein Verschiebungs-Effekt beim Neigen des Displays dafür, dass sich einzelne Layer wie Hintergrund und Icons voreinander bewegen und dadurch wie von einander getrennt erscheinen. Hier wird im Interface, ohne erklärtes Ziel, eine räumliche Tiefe suggeriert. Das erscheint mehr wie eine Spielerei als eine spannende Neuerung. Allerdings wäre die Schrift ohne dieses Gimmick wohl noch schlechter zu erkennen, da sie sich so visuell etwas besser vom Hintergrund absetzen kann. Es bleibt also abzuwarten, ob bis zum offiziellen Release noch etwas passiert.

Im Großen und Ganzen sieht es jedoch so aus, als hätte Apple es wieder verpasst, eine wirklich durchdachte und konsequente Gestaltung mit den neuen Produkten zu etablieren.

Bei allen spannenden Ansätzen des Apple-Redesigns – die zweifellos vorhanden sind – werden immer wieder Zugeständnisse in wichtigen Belangen gemacht. Zum Beispiel der Verzicht auf eine sinnvolle Anordnung von Bedienelementen, auf eine ausreichend lesbare Schrift oder auf die Kompatibilitä­t mit bestehenden Medien und Strukturen. Dahinter steht eine Gestaltungsethik, die nicht viel mehr leisten möchte als entsagen, reduzieren und verneinen. Leider gewinnen die Produkte dabei vor allem an Komplexität in Handhabung und Umgang, die keiner äußeren Notwendigkeit mehr folgt und das Apple Design an vielen Stellen zum Selbstzweck werden lässt.

Simon Frambach

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