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WAS AUS DESIGN WURDE

Was aus Design wurde

ein Erfahrungsbericht von Simon Felix Tarantik, Masterstudent an der HGK Basel (Masterstudio Design)

Es war im Sommer 2007 als ich mich zum ersten mal ernsthaft mit der Frage beschäftigte, welchen Beruf ich in meinem Leben ergreifen sollte. Ich hatte mein Abitur in der Tasche und keine Pläne. Heute, fünf Jahre später, bin ich Designer.

Mein ganzes Leben schon
hatte ich mir Dinge ausgedacht und dann gebaut. Ich war wohl kreativ, so wie man es landläufig verstand. Flugzeuge, Schiffe, Häuser … Hilfsmittel für dies und das. Mit 15 fand mich dann die Fotografie. Wir freundeten uns an und verbrachten viel Zeit zusammen. Wirklich interessiert aber war ich an Gründen, egal wofür. Warum waren die Dinge so, wie sie nun ein mal waren? Wer sorgte dafür? Wer entschied, dass etwas so und nicht anders war? Dieses Warum wollte mir nicht mehr aus dem Kopf.

Ich liebe die Fliegerei und begann ich mich mit Aerodynamik zu beschäftigen. Mit ihr konnte man Formen durch Berechnungen und Experimente begründen. Das machte mich zufrieden. Das Wort Design tauchte zum ersten mal auf, als ich in der Schule ein Regal baute. Als die technischen Merkmale der drei Bretter und zwei Keile geklärt waren, ging es nur noch um die Form der beiden Seitenteile. Mein Lehrer sagte, das sei Design. Mir war das ziemlich egal. Ich entschied mich für oben rund und war als erster fertig.Warum ich nach meinem Abitur kein Ingenieur werden wollte und so die Aerodynamik immer nur ein Hobby bleiben sollte, weiß ich nicht mehr. Ich bewarb mich ausschließlich an Designschulen. Vielleicht hatte mir das viele Fotografieren die Ernsthaftigkeit genommen. Ich bestand alle Prüfungen und entschied mich für eine kleine, sympathische Hochschule in Konstanz am Bodensee. Nun war ich gespannt darauf, was wohl alles passieren würde.

Es begann mit einfachen Übungen zu Inhalt und Form. Beides sollte sich ergänzen. Das war garnicht so schwer. Zum Thema Die ruhige Minute entwarf ich z.B. einen kleinen Holzwürfel, der so zu öffnen war, dass man sich damit etwa eine Minute ruhig beschäftigen musste. So ging das einige Semester. Design war, wenn die Form dem Inhalt entsprach und wenn es die Professoren sagten. Ich war auf dem besten Weg, ein Designer zu werden. Je mehr Semester vergingen, desto mehr Wert wurde auf die Auswahl des Inhalts gelegt. Die Themen, mit denen ich mich beschäftigte wurden zum Maßstab – die passende Form zur Selbstverständlichkeit. Anstatt nur ein Problem zu lösen, galt es viel mehr, ein Problem zu formulieren. Es galt, Zusammenhänge zu erkennen und ihre Strukturen zu beschreiben. Nur so konnte man mit einer entsprechenden Lösung aufwarten. Design wurde zur Problemformulierung. Das war schon schwieriger. Je mehr ich wusste, desto mehr Zusammenhänge erkannte ich. Damit war eines klar: Mehr ist mehr! Wer alles weiß kann am meisten erkennen. Wenn ich also ein guter Designer werden wollte, musste ich damit beginnen alles zu wissen. Da galt es keine Zeit zu verlieren. Doch schon waren sieben Semester um und ich war Bachelor of Arts in Kommunikationsdesign. Ich bekam diesen Abschluss trotz des Versuchs, alles zu wissen. Ob aus Anerkennung oder Mitleid wurde mir nicht gesagt. Und ich war mir höchst unsicher, ob ich nun ein Designer war.

Darauf beschloss ich, mich damit abzufinden nicht alles wissen zu können und machte Urlaub, Designer hin oder her. Alles für eine Weile zu vergessen erschien mir als ein gutes Mittel, um mit klarem Kopf über meine weitere Zukunft zu entscheiden. Doch da passierte es: Ich war ein Designer. Ich konnte auf ein mal nichtmehr kein Designer sein. Design war, ohne, dass ich dies beabsichtigt oder bemerkt hatte, zur Perspektive geworden, in der ich die Welt wahrnahm. Auch im Urlaub. Plötzlich erkannte ich Zusammenhänge und dachte über Strukturen nach. Ich ertappte mich dabei, Probleme zu formulieren und verschiedene Lösungsvarianten gegeneinander abzuwägen. Design war meine Art zu denken geworden.

Einen Unterschied jedoch gab es zwischen der Welt da draußen und der Hochschule: Die Lösung musste machbar sein. Ein Kriterium das bei den meisten Professoren nicht allzu wichtig gewesen war. Ich erinnerte mich an Vilim Vasatas oberstes Gebot der Professionalität: »Die Sache muss getan werden.« Denn war die Lösung auch noch so gut: war sie nicht in angemessener Zeit umsetzbar, war sie schlecht. Und professionell wollte ich sein, um alles in der Welt. Ich wollte wissen, was gutes Design war. Mit diesem Vorhaben ging ich in die Schweiz und schrieb mich in einem Masterstudiengang ein. Masterstudio Design, Basel. Und es begann mit einem Paukenschlag: »Design greift in bestehende Sinnkonstitutionen ein.[1]« hieß es gleich zu Beginn.

Sinnkonstitutionen – ich schlug sofort nach. Das war der Ist- und Sollzustand von etwas. Und wenn Design hier eingreift, muss es ja auch in der Lage sein, diese zu verändern. Demnach bestimmt Design also, wie die Dinge sind und sein sollen. Demnach müsste Design ja auch erklären können, warum die Dinge so sind, wie sie eben sind. Das war es doch, was mich schon immer interessiert hatte. Die Gründe. War ich angekommen? Aber Moment mal! Etwas zu begründen und dann danach zu handeln, dass taten doch nicht nur Designer! Oder war nun etwa jeder, der etwas mit Absicht tat, ein Designer? Wenn es nun nur um die Absicht ging, dann war Design doch eigentlich alles. Mein Kopf begann zu rauchen. War Design einfach Leben? War Design eine grundlegende Fähigkeit des Menschen? [2]

Wenn dem so war, dann war ich ja schon immer Designer. So wie jeder andere auch. Denn Leben, dass tat ich wie viele andere. Und die Dinge, die ich tat zu begründen, so war ich erzogen worden. Und wie sollte dieses Design bewertet werden? Ich wollte schließlich immer noch professionell sein. Dafür musste ich wissen, was gutes Design war. Sollte ich nun etwa nach dem guten Leben suchen? War ich nun Designer oder einfach nur ein Mensch? Und dadurch Designer? Mein Kopf verlangte wieder ein mal Urlaub. Ich fuhr nach hause aufs Land. Und wieder passierte es unbeabsichtigt. Auf ein mal wusste ich, was gutes Design war. Ein warmes Gefühl der Zufriedenheit stellte sich ein, während ich über die leeren Straßen Zürichs fuhr. Ich fühlte, dass ich am Ende meiner Suche angekommen war. Ganz plötzlich hatte ich gefunden, wonach ich all die Jahre gesucht hatte. Und ich war seelig, Designer zu sein. Es kam im Radio:

Beim Bau einer großen Halle in England, deren Konstruktion aus großen Eichenbalken bestand, pflanzten die Bauherren nach der Fertigstellung im 14. Jahrhundert zahlreiche Eichensetzlinge auf einer nahen Wiese. Damit neue Balken bereit standen, wenn die alten morsch und von Getier zerfressen waren. Fünfhundert Jahre lang wuchsen die Eichen heran und spendeten Schatten. Als es dann im 19. Jahrhundert an der Zeit war, die Balken der großen Halle zu ersetzen, musste sich niemand Gedanken darüber machen, woher man das Holz zu nehmen hatte.


[1] vgl.: Haug, Wolfgang: Kritik der Warenästhetik. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1972. Seite 154. »Innerhalb der kollektiven Handlungen folgt auf Grund des Klassenbewusstseins, der Einsicht in die Interessenlage und in den Interessenwiderspruch ein bestimmter praktischer Schluss, nämlich einzugreifen: es ist ja ein Sinnurteil, wenn ich einen Produktionsprozess dadurch, daß ich das zentrale Ziel störe, ad absurdum führe.« [sic])

[2] (vgl.: Nelson, Harold: Die Fähigkeit zum Entwerfen. Eine Grundlage menschlichen Handelns. Übersetzung aus dem Englischen von W.J. 18.09.02. Seite 1. »[…] Design ist primär, grundlegend und alles durchdringend in jeglicher zielgerichteter menschlicher Handlungspraxis.« http://home.snafu.de/jonasw/PARADOXNelsonD.html

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2 Kommentare

  1. Lieber Felix, deinen Text habe ich mit viel Freude und zustimmendem Nicken gelesen. Danke für diesen persönlichen Gedankenspaziergang – er gab mir einige Denkanstöße und weil ich solche in den letzten Monaten zu oft unter die Räder kommen ließ, schreibe ich sie hier schnell auf, bevor sich die Gedanken weiterdrehen.

    Du fragst, ob Design eine grundlegende Fähigkeit des Menschen ist. Das habe ich mich vermutlich auch gefragt, wenn mir mal wieder nicht ganz klar war, was ich in meinem Designstudium eigentlich gelernt habe und was ich besonderes kann und mache, das nicht jeder Mensch von Natur aus sowieso schon irgendwie macht. Dass mir der klare Blick für meine Fähigkeiten abhanden gekommen ist, mag auch daran liegen, dass ich mich in den letzten Jahren vorwiegend mit Gestaltern und Künstlern umgeben habe. Jedenfalls ging ich fast davon aus, dass eigentlich jeder Mensch auch ein Designer ist, der die Dinge kritisch beäugt und vielleicht sogar eingreift, wenn eine Diskrepanz zwischen Ist- und Sollzustand, Selbstbild und Außenwirkung oder Inhalt und Form augenscheinlich wird.

    Dass dem wohl nicht so ist, schwante mir, als ich mich in meinem Masterstudium in Kulturpublizistik plötzlich als einzige Gestalterin zwischen JournalistInnen und Sprach-, Kunst- und KulturwissenschaftlerInnen wieder fand. Als ich immer wieder diverse Rahmenbedingungen hinterfragte und monologisch durchdiskutierte, während um mich herum gleichgültig Schultern gezuckt und brav Vorgaben erfüllt wurden, war ich etwas verwirrt. Es dauerte über ein Semester, bis ich begriff, was mit mir los ist und was mich hier so grundlegend unterscheidet:

    Das Designstudium hat mein Denken geprägt und meinen Blick auf alles Grundlegende gelenkt, auf Zusammenhänge, Probleme und Lösungen. Zu erkennen, wie die Dinge sind und zu bestimmen, wie sie sein sollen – das ist mein Beruf, den ich erst jetzt im Kontrast mit anderen Denk- und Arbeitsweisen (an)erkenne.

  2. kate,

    Ein sehr schön formulierter Beitrag!
    Ich hab ihn mit Freude gelesen und mich selbst darin wiedergefunden. 😉