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DESIGNLITERATUR: Dinge, Räume und persönliche Identität. 66 Porträts

designliteratur_funkeDinge, Räume und persönliche Identität. 66 Porträts
Rezension von Anna E. Wilkens

Ein Lesebuch mit interessanten Porträts
Design feiert sich selbst gerne als Schnittstellendisziplin: Unzählige Post-its werden in Workshops mit Auftraggebern und NutzerInnen geklebt, um Zusammenhänge zu veranschaulichen. Ausserhalb dieser Rituale kommt leider selten ausführlich zur Sprache, welche Werte die gestalteten Dinge des Alltags für Ihre EigentümerInnen und NutzerInnen repräsentieren. Prof. Rainer Funke steuert dagegen und legt mit „Dinge, Räume und persönliche Identität. 66 Porträts“ (nach dem 2011 erschienen „Care Design“) die zweite Publikation vor, die Explorationen und  Texte von TeilnehmerInnen seiner interdisziplinären Lehrveranstaltung im Fach Designtheorie an der FH Potsdam dokumentiert. Beteiligt waren Studierende aus den Studiengängen Design, Architektur und Kulturarbeit. Thema des vorliegenden Bandes ist das Verhältnis der Menschen zu ihren Gegenständen und Räumen, dargestellt in Begegnungen, Gesprächen und Fotos.

Sorgfalt und Ernst
Das Buch ist durchaus lesenswert, denn es ist ihm anzumerken, dass es mit großer Sorgfalt und begrüßenswertem Ernst entstanden ist; die Porträts lesen sich flüssig, einige sind in Stil und Gliederung bemerkenswert gut; alle sind interessant und aufschlussreich. Vor dem inneren Auge entstehen umfassende Persönlichkeitsbilder der Interviewten mit ihrem individuellen Umgang mit Dingen, der jeweils aus dem und im Gesamtlebenszusammenhang interpretiert wird und umgekehrt: der Umgang mit den Dingen ist Anlass zu Rückschlüssen auf die Persönlichkeit. Die Autorinnen und Autoren bemühen sich um Präzision und Ehrlichkeit, sodass auch kritische Ansätze nicht fehlen, die Grenze zum Voyeurismus wird bei aller Offenheit nicht überschritten – die Würde der Interviewten bleibt an jeder Stelle gewahrt. Ein schönes Lesebuch, das man immer wieder zur Hand nehmen kann.

Nachgefragt
Die Studierenden führten mit jeweils einer Person aus ihrem Bekannten- und Freundeskreis längere Gespräche in Form freier narrativer Interviews, anschließend haben sie das so gewonnene Material zur Grundlage ihrer journalistisch-literarischen Porträts verwendet, in denen der Umgang mit Gegenständen interpretativ aus der individuellen Lebensgeschichte hergeleitet und exemplarisch dargestellt wird. Die Interviewten gehören unterschiedlichen Altersgruppen und Schichten an, es ist also ein breites Spektrum von Menschen porträtiert, wenngleich solche überwiegen, die im Alter und Lebensweise den Studierenden nahe sind.

Die zwischen drei und acht Seiten langen Porträts tragen unterschiedliche Überschriften, die entweder deskriptiv oder auch witzig-originell sind; die meisten Texte sind durch Unterüberschriften gegliedert, die wiederum ganz unterschiedlich abstrakt oder konkret ausfallen (etwa „Familie“ (S. 91), „Golfball und Holzente“ (S. 188)). Hier und da stehen wörtliche Zitate der Porträtierten. Textbegleitend finden sich zu jedem Porträt einige Fotos, die während des Interviewtermins entstanden sind und jeweils einzelne Momente in den Texten illustrieren (Gegenstände und Räume) oder auch in ihrer Summe ein visuelles Porträt der Dinge der betreffenden Person bilden. Design im eigentlichen Sinne, also die Gestaltung industriell und seriell gefertigter Produkte, spielt allenfalls am Rande eine Rolle, wenn die Dinge im Besitz einer der Personen Designgegenstände sind (etwa die Louis-Vuitton-Handtasche, S. 95).

Konsumkritik
Auffällig beim fortschreitenden Lesen wird das Phänomen, dass viele der Autorinnen und Autoren sowie mutmaßlich der Porträtierten eine konsumkritische Haltung zeigen, das Wort „Konsum“ erscheint sogar etliche Male in den Überschriften (wobei hier nicht zwischen Verbrauch und Gebrauch unterschieden wird; nach dieser Unterscheidung wäre der Kauf von Gebrauchsgütern kein Konsum=Verbrauch). Immer wieder gibt es Stellen, an denen die Texte einen rechtfertigenden Gestus gegenüber den Begehrlichkeiten der Porträtierten haben. So verrät das Buch am Ende implizit etwas über die Gruppe der Studierenden: es scheint zum Habitus von Anfang-zwanzig-Jährigen zu gehören, eine konsumkritische Haltung oder mindestens eine der bewussten Anschaffung von Dingen zu zeigen. Das ist insofern bemerkenswert, als in einer Gesellschaft mit kapitalistischer Wirtschaftsform der häufige Erwerb neuer Gegenstände eigentlich ein positiver Wert sein müsste; das Gegenteil ist der Fall.

Kritikpunkt Wissenschaftlichkeit
Es könnte – je nach Leseerwartung – als eine Schwäche des Buches angesehen werden, dass über Methode, Konzept und eventuell dem Vorgehen zugrundeliegende theoretische Überlegungen nicht viel darin zu finden ist. Dass es umfangreiche Vorüberlegungen gegeben haben muss, ist aus der relativen Vergleichbarkeit der Porträts zu schließen. Wie ein mutmaßlicher Fragenkatalog, die Schwerpunktsetzung in den Interviews also, entstanden ist, wird jedoch nicht offengelegt. Schön wäre ein Abdruck dieser Fragen im Buch gewesen, auch Informationen über die Dauer des Projekts, den Umfang der Vorüberlegungen, eventuell aufgetretene Schwierigkeiten, kurz: über den Prozess der Entstehung.

Wegen dieser und anderer marginaler methodischer Schwächen sind die Texte kaum als Quellen für weitere Forschungen zu verwenden – was angesichts der umfangreichen und sorgfältigen Arbeit wirklich schade ist. Selbstaussagen der Porträtierten und Fremdaussagen der Interviewer über sie sind z.B. in den fertigen Porträts häufig ununterscheidbar. Die Auswahl der theoretischen und journalistischen Texte, auf die sich in der Einleitung bezogen wird, wirkt eher zufällig; Bourdieu und sein Konzept des Habitus sowie Weiterentwicklungen desselben und verwandte oder eventuell widersprechende Ansätze wird man hier vergeblich suchen. Insofern ist die Selbstbezeichnung der Publikation „Studie“ irreführend;  weder sind Erkenntnisziele noch Zielgruppe benannt.

Für eine Publikation im Zusammenhang der Design-Lehre zeigt das bemerkenswerte Lesebuch jedoch wie ernsthafte interdisziplinäre Beschäftigung mit Design Form gewinnen und aufschlussreiche Ergebnisse auf den Weg bringen und sichtbar machen kann. Zur Nachahmung empfohlen.

Dinge, Räume und persönliche Identität. 66 Porträts
hrsg. von Prof. Dr. Rainer Funke
352 Seiten
Potsdam: Fachhochschule 2013
ISBN 3-934329-55-1
Zu beziehen ist das Buch über die Pressestelle der Fachhochschule Potsdam: presse@fh-potsdam.de.
Ergänzend kann man hier die Dokumentation einsehen

Die Autorin dieser Rezension, Dr. Anna E. Wilkens ist Literaturwissenschaftlerin und arbeitet als Autorin, Lektorin und Texterin in Ludwigshafen und Berlin.

 

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