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Lisa Anne Auerbach: Don’t do it yourself!

Vor wenigen Tagen feierte der DaWanda Concept Store in Berlin seine Eröffnung. Er soll ein gemütlicher Ort für „DIY-Begeisterte und Design-Enthusiasten“ werden, wo „Kreativität und Selbermachen“ im Mittelpunkt stehen und das „DIY-Gefühl“ vermittelt werde, „das die internationale Kreativszene“ fasziniere, so Claudia Helming, Gründerin und Geschäftsführerin von DaWanda, in einer Pressemitteilung. Nachdem bereits die hauseigene Zeitschrift, das DaWanda LoveMag bislang in 4 Ausgaben erschien und das Unternehmen nach verschiedenen Medienberichten jährlich einen Umsatz von über 5 Millionen Euro zu verzeichnen hat, wird auch er sicherlich ein großer Erfolg und eine funktionierende Ergänzung zu der boomenden Onlineplattform, auf der nach eigenen Angaben rund 230.000 Hersteller mehr als 4 Millionen Produkte anbieten.

Im Jahr 2012 erschien in Hamburg ein kleines Heftchen mit dem Titel: Don’t Do It Yourself. Es enthält einen erfrischend unkonventionellen Aufsatz der amerikanischen Künstlerin Lisa Anne Auerbach, der unter anderem von Jesko Fezer übersetzt und herausgegeben wurde.1

Sie spricht darin aus, was so manchem dieser Tage durch den Kopf gehen könnte: „D.I.Y. ist gestohlen worden, und wir scheinen es nicht mal bemerkt zu haben. Mit dem Ideal der Selbstermächtigung auf ihren Fahnen fegte eine Seuche über unser Land und hinterlässt von beschissener Heimwerkerei entstellte Wohngebiete, von schlecht gekochten Gourmetmahlzeiten zerstörte Familien und haufenweise kaum benutze Werkzeuge, übrig gebliebene Verbrauchsmaterialien und unvollendete Projekte.“

„Unsere Gesinnung wurde als Geschenk verpackt und an uns zurück verkauft“

Auerbach kritisiert in erster Linie die Kommerzialisierung der D.I.Y.-Bewegung durch Konzerne und deren Werber, die das Selbermachen dem vorhergehenden Konsumakt unterordnen. „Wir sind hungrige Monster geworden“ schreibt sie, „die danach greifen, die Produktion zurückzuerobern, egal, was es uns kostet. Unsere Gesinnung wurde als Geschenk verpackt und an uns zurück verkauft“. Ständig werden Hypes produziert, auf die wir aufspringen und in die wir investieren. Kochen ist zum Beispiel so ein Trend, an dem die Industrie durch den Verkauf von Kochbuchhaltern, Polentarührlöffeln, gusseisernen Pfannen, vermeintlichen Profimessern und weiteren angeblich unverzichtbaren Kochaccessoires verdient. Doch die Lust am Kochen erschöpft sich nicht selten bereits im Konsum. Während sich Monate später die Motten in der ungenutzten Kollektion afrikanischer und indonesischer Gewürze einnisten, das teure nordgriechische Distelblüten- und Weizenkeim-Öl ranzig werden, der Bambusdämpfer an der Schrankrückwand in Vergessenheit gerät, zieht der Hype weiter, alle wollen inzwischen auf dem Balkon Gemüse züchten und decken sich mit den dafür erforderlichen Schildchen, Harken oder Schaufeln ein. Doch während das Gemüse in den eigens gekauften Blumenkübeln vor sich hin kränkelt, die Tomaten von der Kraut- und Braunfäule dahingerafft werden, die einst blühend gekauften Blumen vertrocknen, wollen alle viel lieber Kleidung aus Bio-Baumwolle nähen, wofür sie gerade schon das passende Garn bestellt haben oder auch Lampenschirme aus perforiertem Seidenpapier basteln, das gibt es ebenfalls günstig zu kaufen. Die Wohnungen verstopfen mit kaum genutzten D.I.Y.-Accessoires, der Markt boomt.

„Wir können und müssen diesen Wahnsinn ein für alle Mal beenden“ fordert Auerbach. Selbermachen befreie schon längst nicht mehr, sondern mache uns zu Konsumenten. D.I.Y. heiße inzwischen „sich bei den Mega-Stores zu verschulden, mehr und mehr im Ausland hergestellte Materialien zu konsumieren, die Erde zu vergewaltigen, Wälder zu zerstören, Abfall zu produzieren und unser Leben mit stümperhaft montierten Toiletten, undichten Fliesenböden, schlecht sitzenden Pullovern, aufgeworfenen Dielen, krummen Wänden und hässlichen Mosaiken zu verhunzen.“

„D.D.I.Y. ist das neue D.I.Y.“

Ihre Parole „don’t do it yourself“ nennt Auerbach einen „Schlachtruf“ und die Alternative zum „do-it-yourself“. Sie fordert dazu auf sich einzugestehen, dass niemand die Fähigkeiten, Zeit oder Kenntnisse besitzt, in sämtlichen Bereichen alles selbst zu machen. „Wir müssen verstehen“, schreibt sie, „dass Expertenwissen existiert und dass es nicht über Nacht, aus der >Idiot’s Guide< – oder >For Dummies<-Ratgeberreihe erlernt werden kann.“ Es brauche gewisse Spezialisierungen, ein Bewusstsein für die eigenen Stärken und auch Schwächen und damit einhergehend eine Form von arbeitsteiligem Selbermachen. Das heißt Brot backen, um im Tausch für einige Stunden Gartenwerkzeug zu leihen oder Schalstricken im Tausch gegen eine Fahrradreparatur. So könne auch Werkzeug und notwendiges Material untereinander ge- und verliehen, anstatt gekauft werden. Damit die Beschäftigung von Experten nicht kommerziell erfolgt, schlägt sie eine Art Waren- und Dienstleistungstausch vor.

Wurde das D.D.I.Y. nicht ebenfalls geklaut?

Ob dies jedoch der von Auerbach im Aufsatz erhoffte „Aufstand gegen die globalisierte Konsumkultur“ ist, bleibt zu bezweifeln. Konzerne lernen schnell. DaWanda fördert und verdient nämlich nicht nur am D.I.Y., sondern ebenfalls an Konzepten wie dem D.D.I.Y. Im Concept Store lassen sich Geräte zum Beispiel auch leihen oder direkt vor Ort nutzen für alle, die deren Anschaffung scheuen oder bewusst vermeiden. Die Ergebnisse der Basteleien, die selbstgekochten Marmeladen und handgeklöppelten Taschen und Fahrradsattelbezüge werden vor Ort verkauft. Auf diese Weise wird auch an denen verdient, die nicht aktiv mitmachen wollen und das Stricken, Siebdrucken und Backen lieber den Anderen überlassen. Neue Tauschkontakte könnten außerdem beim Kaffee in der „Grocery“ geknüpft werden. Die DaWanda Geschäftsführerin schwärmt bereits von diesem „Ort der Begegnung“. Als würde bei DaWanda wahr werden, was Auerbach Ende ihres Aufsatzes fordert: Die „Armee der Einzelnen“ hinter uns zu lassen und sich im Geiste des „don’t do it yourself“ zusammenbringen zu lassen.

Ideen wie das D.D.I.Y. wurden also ebenfalls längst geklaut. Die Hoffnung, es könnten sich langfristig Inseln der Revolution und des Protest etablieren, die nicht kommerzialisiert und wirtschaftlich vereinnahmt werden, scheint schön aber naiv. Ob D.I.Y. oder D.D.I.Y. – DaWanda bekommt 5% Provision. Wir sind einfach gewohnt zu kaufen, was uns gefällt und Konzerne bedienen diese Kaufgewohnheit. Das gilt für das D.I.Y. ebenso wie für das D.D.I.Y.

  1. This is a footnote.

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