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Designliteratur: PORNOTOPIA


Auf den ersten Blick scheint der Zusammenhang von „Playboy“-Ästhetik und Architektur bzw. Design wenig relevant. Oder eine Satire. Doch die Kulturtheoretikerin Beatriz Preciado, einigen vielleicht durch ihr „Kontrasexuelles Manifest“ noch in Erinnerung, macht recht schnell deutlich, dass dies keine Marotte ist. Hugh Hefner, der Gründer des Imperiums, sah sich schon Mitte der Fünfzigerjahre als Architekt für Gebäude, Innenräume und Lebensentwürfe.

Sein Magazin veröffentlichte regelmäßig Lobeshymnen auf Vertreter des „Internationalen Stils“ wie z.B. Mies van der Rohe, Frank Lloyd Wright, den Eames’ und Enno Saarinen. Aus der heutigen Sicht und dem Image des Magazins überraschend. Doch Preciado hat vornehmlich die 50er und 60er Jahre im Visier. So sieht sie Hefner in den Zeiten des Kalten Krieges „als Pop-Architekten“ und „das Playboy-Imperium als multimediales Architekturbüro“. Der Leitartikel der zweiten Ausgabe 1953 definierte das Magazin als „Zeitschrift des Innenraums“. Ziel sei die Befreiung des Mannes aus den erstarrten Geschlechterrollen – Frau: Hausarbeit, Kindererziehung; Mann: Erwerbsarbeit, Ernährer; Lebensmittelpunkt: die Ehe als Reproduktionszelle im Vorstadteigenheim – durch die „Konstruktion eines spezifisch männlichen häuslichen Raums“. Zielgruppe: weiße, heterosexuelle Mittelschicht-Männer. Dazu gehörte insbesondere das Private öffentlich darzustellen. Reportagen, Fotos und später TV-Sendungen über bzw. aus diesen neuen Wohneinheiten in den urbanen Zentren. Hefner in Morgenmantel, Pyjama und Pantoffeln. Stets Pfeife rauchend. Design-Accessoires in Lederetuis. Automatisierte Mini-Küchen. Das wirkt in der Retrospektive leicht schrullig, entsprach aber einem Affront gegen die gesellschaftliche Moral und politische Doktrin der Zeit in den USA. Das „Junggesellen-Appartement“, das durch architektonisches Design Arbeit in Muse und den Mann in einen Playboy verwandelt. Möbel von Saarinen, Bobani, Eames als Mittel gegen „weibliche Domestizierung“.

„Tulpenstühle, eine drehbare Bar, die Schiebetüren, die durchsichtigen Vorhänge.“ Moderne Technologien als Verlängerungen des männlichen Körpers und Verführungsmittel. Als Höhepunkt das rotierende Bett. Es besaß einen Durchmesser von zwei Meter sechzig, ließ sich durch einen hydraulischen Motor um 360 Grad drehen und im Stillstand zum Vibrieren bringen. In der Lehne angereichert mit moderner Technik – Bürokommunikation, Radio, Fernbedienungen, multimediale Anschlüsse. „Eine Raumkapsel für den Playboy.“ Und sehr verwandt zu anderen avantgardistischen Entwürfen der Sechzigerjahre wie das „Inflatable Suit-Home“ von David Greene oder den „Mind-Expander“ von Haus-Rucker-Co.

„Pornotopia“ ist die Buchversion der Doktorarbeit von Preciado. Entsprechend verortet sie ihr Sujet in einem gesamtgesellschaftlichen Rahmen: dem „pharmakopornografischen Kapitalismus“ als – auch – anti-feministischen Projekt. Etliche Passagen richten sich an ein akademisches oder Theorie affines Publikum. Ihre Argumentation bleibt dabei jedoch auch für Außenstehende nachvollziehbar. Das Lektürevergnügen wird darüber hinaus durch Abbildungen und Fotos befeuert. Mehr davon wäre toll gewesen. Daneben bleiben zahlreiche Anekdoten und Trash-Informationen für Pop-Afficionados. Ein gelungenes Buch mit schöner Haptik. Gerade weil ihm auch nach dem Zuklappen ein humoristisches Potenzial nicht abzusprechen ist.

 

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