Meistkommentiert

Suche


Schlagworte


Titel


Archiv


Schließen

Ein Plädoyer für die schlechte Form

Dieser Text entstand im Rahmen des Seminars “Design theoretisch” unter der Leitung von Birgit S. Bauer im SS2011 an der Kunsthochschule Kassel. Der Autor Simon Frambach war derzeit im 4. Fachsemester des Studiums des Produktdesigns. In seinem Kurzessay notiert er in knapper Sprache die Ambivalenz zwischen Respekt und Ohnmacht angesichts des Rams’schen Ethos und lässt anklingen dass Rams zum Sinnbild für das Dilemma der Gestaltung geworden ist.

Dieter Rams – ein Archetypus des Produktgestalters. Dieter Rams reduziert, abstrahiert, macht lesbarer, kleinschrittig und alltagsnah. Und das auf eine für jedermann anschauliche und nachvollziehbare Art und Weise. Warum waren die Taschenrechnertasten nicht schon immer nach oben erhaben? Ein Blick in Dieter Rams persönliches Büro offenbart: Er umgibt sich scheinbar ausschließlich mit seinen eigens gestalteten Möbeln und Geräten.

Ein Blick in eines der zahlreichen jüngeren Interviews zeigt: Dieser Mann verkörpert nach fast 60 Jahren des Schaffens immer noch den einen Ethos: den Ethos des Designs durch Funktionalität.

Mit anrührender Bescheidenheit treten immer noch die selben Wahrheiten über die Gute Form zutage. Ein Produktgestalter, der eine wahnsinnige Kontinuität über viele Jahrzehnte hinweg durch sich selbst verkörpert. Der auf alle Fragen des Designs schon immer Antworten parat hat. Und sich dabei, in seiner ganzen Karriere, nie einen überflüssigen Schritt, nie eine übertriebene Geste, eine überschwängliche Lebhaftigkeit in seinen Produkten erlaubt hat. In diesem Sinne verkörpert Dieter Rams immer noch eine Form des rationalistischen Industriedesigns, wie es wohl nur im Nachkriegs-Deutschland der 50er Jahre entstehen konnte.

Dieser Dieter Rams hat die 80er Jahre völlig unbehelligt überstanden. Als Memphis sich um 1988 allmählich fertig ausgetobt hatte, konstatierte er erstmal seine 10 Regeln des guten Designs. Von Ästhetik, Ehrlichkeit, und Unaufdringlichkeit ist da die Rede – deutsche Tugenden eben. Dieter Rams hat die Entwicklungen um die Postmoderne und das junge deutsche Design wie ein weiser Herr beobachtet, als habe er gewusst: “Irgendwann kommt der Funktionalismus wieder”.

Inzwischen ist es die Jugend, die den Nachhall eines Rams’schen Designethos in Form von Apples Produkten wiederentdeckt. Das deutsche Nachkriegsdesign kommt dem Weltmarkt gerade genau richtig, um ein vergleichsweise teures Hightech-Produkt bescheiden und nach “Less and More” aussehen zu lassen. Apples pseudo-asketische Produkte finden ihren Reiz durch nun mehr 60 Jahre alte Gestaltungsprinzipien.

“Guten Geschmack aber muss man lernen, der ist nicht angeboren” gibt Dieter Rams in einem Interview der FAZ im Mai 2010 zum Besten. Hier winkt die gute Form. Man könnte sich nun fragen, ob es sich beim eigenen Geschmack um etwas Gefühltes handelt, oder um etwas, das sich durch die Beschäftigung mit einem Sachverhalt und seinen Regeln mühsam angeeignet werden muss.

Wenn von Dieter Rams’ Designethos immer noch etwas lebendig ist, dann ist es wohl die Idee,  Artefakten unserer Zeit etwas Konstantes, Unumstößliches, Gesetzmäßiges anzubringen. Im heutigen Produktdesignverständnis herrscht immer noch an vielen Stellen Konsens darüber, was zeitloses, wahres Design ist. Von universeller Qualität und von einer erhabenen ornamentlosen Aura soll es sein. Von perfektem Einklang aus Form und Funktion ist oft die Rede. Es geht um die ewige Suche nach “dem” Design, um blanken Designabsolutismus.

Indem Dieter Rams zehn Regeln für gutes Design aufstellt, zeigt er uns, dass es nicht genügt, wenn gutes Design bloß gefällt, es soll auch aus den richtigen Gründen gefallen.

Von besonderem Interesse sind hierbei die folgenden Regeln, die geradezu symptomatisch für die (immer noch quicklebendige) Designhaltung der 50er Jahre sind:

Gutes Design ist ehrlich

Gutes Design ist unaufdringlich

An diesen zwei Regeln kann man sich nur stoßen. Was ein Design zu einem guten Design macht, wird hier nur durch ethische Werte, durch eine lobenswerte Haltung identifiziert.² Dieter Rams asketisch anmutende 10 Regeln bieten keineswegs einen neutralen Grund für rationales Bewerten, viel mehr zeugen sie von einer Situation, in der ein Produkt bestimmten menschlichen Tugenden nacheifert.³ Und diese einseitige Haltung ist dann gutes Design, oder eben die Gute Form.

Wenn Dieter Rams mit seinen 10 Regeln eines erreicht hat, dann einen engen moralischen Rahmen für Objekte zu kreieren.

Überhaupt, wer sagt was ehrlich ist? Wann ist ein Stuhl ehrlich?
Wer legt fest, ab wann ein Möbel zu aufdringlich ist und damit nicht als gutes Design bezeichnet werden kann? Wenn das Möbel grelle Farben hat? Von geschwungener Form ist?

Die heutigen Arbeiten junger Designer verkörpern selten eines dieser überkommenen Ideale. Sie transportieren ein ganz anderes Selbstbewusstsein und haben ihre eigenen Regeln. Oder eben gar keine. Und das ist auch gut so!

Wer die Gute Form anstrebt, muss zwangsläufig vor dem drohenden Geschmack der Allgemeinheit resignieren. Zu massenhaft sind die Verirrungen. Ach, wenn doch nur alle die wahre Qualität erkennen könnten!

 

Kommentar verfassen

Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.

8 Kommentare

  1. […] Maschinchen, mit denen sich Firmen-Chef-Designer Jonathan Ive in die ungenauen Fußabdrücke von Dieter Rams begab, ist es plötzlich also Zeit für einen Gegensatz, der größer kaum sein […]

  2. […] Kassel. Der Autor Simon Frambach studiert im 6. Semester Produkt Design und hat bereits Ein Plädoyer für die schlechte Form auf designkritik.dk […]

  3. Simon Frambach,

    Eigentlich finde ich es gerade das Schöne am Design, dass die Begrifflichkeiten, die Ambitionen und die Beweggründe für den Beruf ständig im Wandel sind und vielleicht deswegen so wenig Stillstand zulassen. Ich finde daran ist gar nichts “überbewertet”, ich denke, das ist einfach das Wesen dieser Tätigkeit.
    Schau dir mal an, wie sich die Kunst ständig neu erfindet, wie hitzig es da zugeht und mit welchem Eifer alle Programmatik immer niedergerissen und neu aufgebaut wird. Verglichen damit sind die Diskussionen im Design eine Kleinigkeit.
    Außerdem kann man nicht einfach so die Relevanz völlig verschiedener Berufsgruppen gegeneinander abwägen. Woran lässt sich denn ermessen, wie hoch der Beitrag welcher Berufsgruppe für Lebensqualität ist? Und wie wird diese überhaupt verstanden?
    Vor Allem vor dem Hintergrund, dass das Design heutzutage nur noch teilweise überhaupt versucht, konkrete Alltagsprobleme der Lebensqualität zu lösen. Die gängigen Blogs und Messen leisten da Zeugnis.