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„Einfach ist also ekstatisch. Es glückt, wenn es mir gelingt, aus den Umständen meiner selbst herauszukommen.“ (Hannes Böhringer, einfach)
Die Einfachheit, die Böhringer meint, scheint fast ein Gegenmodell zu dem zu sein, als was Design sich heute inszeniert. Das Entwerfen selbst ein Dschungel an Information, Werten, Medien. Das Einfache – das Geheimnis der schlüssigen Fügung, „nicht die Folge einer banalen Reduktion, sondern vielmehr (…) Konzentration von Komplexem (…)“, ist für viele Designer ein unerreichbares Ziel, wie Axel Kufus in seinem Vorwort beschreibt.

Der Designprofessor Kufus, der Fotograf Hans Hansen und der Philosoph Hannes Böhringer unternahmen gemeinsam das Projekt, Objekte und Prinzipien aufzufinden, „mit denen Einfaches gelungen zu sein scheint – ob auf anhieb oder nach vielen Generationen der Entwicklung.“ Das Ergebnis war eine Ausstellung zum Designmai 2009 in Berlin. Dort wurden die Exponate, – ohne Vitrinen, Podeste und Licht – dem Publikum auf dem ungehobelten Holzboden präsentiert. Das vorliegende Buch ist Teil der Ausstellung und deren Katalog zugleich, es enthält Essays von 12 Autoren zu Themen wie: „Fliegen“, „Raga“ oder die rätselhafte „Forcola“ einem Bauteil der venetianischen Gondel. Dazwischen Fotografien von Hans Hansen und Bildlegenden von Hannes Böhringer. Dass der Katalog im Merve Verlag mit seinem typischen Format und Gestaltung von Stankowski erscheint, freut die Herausgeber zu recht: auch das ist einfach und expemplarisch für das, was im Buch beschrieben wird.

Das Hauptmotiv erinnert an Naoto Fukusawas und Jasper Morrisons Konzept „SuperNormal“ von 2007, in dem sie das Design von unauffälligen Alltagshelfern zutage förderten. Aber „einfach“ will auf etwas anderes hinaus, es geht hier auch um Formen und wie sie entstehen, aber im Grunde weist das Buch gleich von anfang an aufs Denken.
Das Buch tut das in einem gemächlichen Tempo, eine Konzentration, die Designer in der medialen Zerstreuung heute oft nicht haben. Speziell Hannes Böhringer kann das. Doch Form und Inhalt eines Textes so unprätentiös zu verschmelzen, wie es z.B. gerade bei Böhringers Texten passiert, das Einfache auch in der Sprache zu pflegen, gelingt nicht allen Essays des Bandes.
Es geht um einfache Objekte, wie z.B. das Teppichmesser, den Gummibandball, Kisten und Kästen. Aber auch um Dinge, die wir hierzulande nicht erkennen: die Rudergabel einer venetianischen Gondel.
Mal sehr gelungen, wie Stefan Heidenreichs Text „binär, einfach zweifach“, der neben seinen sehr angemessenen knappen Sprache und der klaren Gliederung auch die Grundlagen der digitalen Welt wieder ins Bewusstsein ruft. Dann wieder übertrieben verspielt, wie z.B. Anna María Rabes Essay zum Gummibandball. Manches zieht sich dann doch etwas betulich – das könnte aber auch an der Vorgefasstheit der Lesermeinung gegenüber der Auswahl der Gegenstände liegen, oder sei es die Prägung durch den allgegenwärtigen „Manufactum“ Duktus (Es gibt sie noch, die guten Dinge), der über der Auswahl der Themen schwebt. Denn das Einfache, so ist man verführt aneinanderzureimen, ist eine Gegenbewegung zu dem, was jetzt ist. Da hilft auch Thomas Kapielskis kurzes Traktat über den Strom nicht weiter.
Eventuell ist auch das Autoren-Teamwork und die ganz unterschiedlichen Haltungen der Texte der Grund für die leichte Zerstreutheit des Buches. Wer dem Einfachen noch einmal auf die Spur kommen möchte, dem sei Böhringers 2000 ebenfalls bei Merve erschienenes Buch „Auf der Suche nach der Einfachheit“ wärmstens ans Herz gelegt. Hier erfüllt sich alles, was „einfach“ fehlt, was ihm als Gemeinschaftswerk allein aus editorischen Gründen fehlen muss.

Leider gibt das Buch auch keinen Hinweis, wie man mit digitalen Wunderwelten und deren hergebrachter Kompliziertheit umgeht, abgesehen von Böhringers wunderbaren Beschreibungen von Denk-Umwegen. Es ist auch kein Manifest gegen die Kompliziertheit der Welt, sondern vielleicht eher schmerzliche Erinnerung daran, dass Design den Kampf zwischen Kompliziertheit und Einfachheit weiter kämpfen muss.

 

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