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Sachlich, mündig, jung …? Kritiker gesucht!

Was ist Designkritik ? – Diese Frage begegnet einem heute häufiger, besonders von Designern. Hat denn eine Nation vergessen, wie man über Gestaltung spricht ? Sollten all die Literatur- Film- und Architekturkritiker denn ein Hexenwerk vollbringen ?

Was fehlt, ist Kritik – eine öffentliche Debatte um das Design.

Die Ursache dafür liegt in vielem begründet, ob in der Ausbildung, dem profit-orientierten Produzenten oder gar den Designern selbst. Denn es gab auch andere Zeiten: Noch vor 20 Jahren nannte sich jeder, der etwas auf sich hielt, Designkritiker. In den Zeitschriften gab es giftige Diskussionen über den richtigen Weg des Designs. – Doch Designer lesen keine Zeitschriften-Archive, sie wollen gestalten.

Die sprachliche Auseinandersetzung mit und über Design ist kaum vorhanden. Eine Beschäftigung, die über die Marktverhältnisse und Produktwerbung hinausgeht, findet merklich selten statt. In Deutschland werden Plattformen für kritische Diskussion von Design sogar immer weniger: wer die Zeitung aufschlägt, wird dort selten Designrelevantes finden – außer vielleicht vereinzelt in Rezensionen.
In Deutschland fehlt sogar eine allgemeine theoretische Aufarbeitung ganzer Abschnitte der Designgeschichte. Nationalsozialismus, die Nachkriegsmoderne, das neue Deutsche Design der 80er Jahre: hier gibt es bisher nur sehr wenige, zu wenige Publikationen.

Dabei sind historisch gesehen die Kritiker die „Arbeiter am Geschmack“, wie sie Maurice Berger, Herausgeber des Buches „The Crisis of Criticism“ nennt.“ Der Kritiker ist dazu in der Lage, zusammenzuführen, zu lenken und die Kultur zu beeinflussen. Sogar neue Formate von Praxis und Ausdruck stimuliert er.“
Also, wo sind die Designkritiker ? Die Persona des schreibenden Designers hat es früher schon gegeben: unvergessen beispielsweise die Schriften von Ettore Sottsass, Paul Rand oder Otl Aicher. Und obwohl die rebellischen Designer der 80er Jahre fast ausnahmslos als Professoren in den Staatsdienst gingen, drang nicht mehr viel dieser Kräfte aus den Mauern der Universitäten heraus.
Sollte nun jetzt jeder Designer auch noch schreiben ? Nein ! Dennoch müsste das Design als Ganzes auch schreibend seine Rolle in der Gesellschaft reflektieren. Genauso sieht das z.B. auch Teal Triggs, Professorin und Design-Theoretikerin am London College of Communication – seit Januar 2008 gibt es an der Schule einen MA Studiengang „Design Writing Criticism“ – „Wenn wir diese Chance nicht ergreifen, verpassen wir, Designkritik zu legitimieren und zu evaluieren.“ Der Studiengang soll nicht nur Journalisten ausbilden, sondern auch die Hochschulen dazu anregen, Kritik in das Curriculum der Designausbildung aufzunehmen, damit die Studenten lernen, sich und ihre Arbeiten kritisch zu betrachten. In gleicher Richtung bemüht sich der deutsche Braun-Feldweg-Förderpreis für designkritische Texte, der Designstudenten zum Schreiben animieren soll. Preis ist die Veröffentlichung des Siegertextes in einem Buch. Das Format geht 2009 ins fünfte Jahr und verlässt damit die komfortable Zone der von den Sponsoren zugesicherten Gelder. Sperrige Texte sind nun mal schlecht zu vermarkten.

Medienwechsel – Generationenproblem ?

Der heutige Designertypus hat sich in den letzten Jahrzenten radikal verändert: Von der charismatischen Diva zum jovialen Teamplayer. Ganz ist es nicht von der Hand zu weisen: irgendwo am Wege verloren die Designer die Kraft, zu opponieren und Ideen zu entwickeln, die an ganz unmittelbaren gesellschaftlichen Fragestellungen arbeiten.
Außerdem äußert sich das Design nicht mehr vornehmlich über Bücher und Zeitschriften, sondern bloggt und twittert. Und was sich in dem Wechsel der Medien „versendet“, wird von der älteren Generation nicht wahrgenommen; hier wächst sich das Designkritik-Problem zum Generationenproblem aus. Und ausserdem erweist sich, dass Design, seine eigene Geschichte betreffend „unter Alzheimer leidet“, wie der belgische Designkritiker Max Borka letztlich feststellte – kein schlechter Vergleich.
Im Internet finden sich neben einem unüberschaubaren Wust von kommerziellen und halb-kommerziellen Promotion-Plattformen mitunter auch Kritikformate, wie beispielsweise www.designobserver.com, auf dem ausschließlich Theorie und Kritik zu finden sind. Dennoch müsste es, gemessen daran, wie einfach es geworden ist, an die Öffentlichkeit zu gehen, auch mehr deutschsprachige, nicht-kommerzielle Web-Plattformen geben. Designer haben das Netz natürlich zunächst dazu genutzt, sich und ihre Arbeiten zu zeigen, nicht auch noch – in ihrer Freizeit – darüber zu schreiben. Eine seltene Ausnahme bildet das Studio Paul Sahre, auf dessen Website www.paulsahre.com sich der Designer Gedanken zu eigenen Fehlern und aus eigenem Verschulden katastrophal schiefgegangenen Aufträgen auseinandersetzt.

Es gibt also Wege, ohne bitteren Zynismus Formen zu entwickeln, die das Bewusstsein für die kritische Betrachtung stärken. Übrigens steht die klassischen Kritikformen wie Literatur- oder Kunstkritik seit Jahren der Untergang in die Bedeutungslosigkeit bevor („Crisis of Criticism“, Maurice Berger). Dem Designkritik-Genre stehen also alle Möglichkeiten offen !

Kritiker gesucht !

Vielleicht ist die gegenwärtige Krise der richtige Moment für eine Erneuerung des Diskurses. Deshalb rufen wir die Web-Plattform „designkritik“ ins Leben – ein Format, das kritische Stimmen vernetzt und zeigt, welche Formen und Formate es zurzeit gibt.

Hier wollen wir die Beschaffenheit herausarbeiten, die die vielseitige Disziplin des Designs hat. Kritik ist Reibung ! Und jener Reibung, mit allem nötigen Respekt, Raum zu geben, steht hier im Mittelpunkt.

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8 Kommentare

  1. Wow, des gefällt mir außerordentlich gut, was ihr hier macht. Die Idee ein Portal für Designkritik zu schaffen ist nicht nur gut, sondern, wie ihr es ja auch schreibt, sehr erforderlich!
    Ich selbst komme nur indirekt aus dem Bereich Design. Studiere eigentlich Erziehungswissenschaft und habe jetzt einen Internationalen Masterstudienplatz an der Kunsthochschule Helsinki in dem Fach “ePedagogy Design”, dabei geht es um Visuelles Wissen, Lernen mit neuen Medien, neue Wege schaffen für Bildung.
    Viele Menschen haben Angst vor Kritik. Man will durch die eigene Meinung niemand anderen abwerten oder gar beleidigen. Aber gerade konstruktive Kritik bringt sehr viel mehr als ein kurzes Statement. Im Web, besonders in Blogs, finde ich wenig konstruktive Kritik, geschweige denn einen wirklichen Austausch. Es gibt immer wieder nur ein “oh, das ist super!” oder “nee, nicht mein Ding” aber selten beschäftigt sich jemand wirklich mit den Dingen. Es liegt wahrscheinlich auch daran, dass Design oft dort überschätzt wird, wo es nicht so wichtig ist. Und meist wird Design dort unterschätzt, wo es wirklich viele Dinge bewegen kann.
    Ich bin sehr gespannt, wie der Diskurs hier so laufen wird. Ich freu mich drauf!

  2. Michael Okraj,

    @ christoph

    vielen dank fuer deinen input.

    das design des blogs ist nach unserem aesthetischen empfinden perfekt – sonst haetten wir es ja nicht onlinegestellt.

    wie wir alle wissen, jedes problem hat unzaehlige loesungen, wir haben uns fuer diese entschieden.

    doch wie wir soeben uns auch natuerlich deine website angeschaut haben, werfen wir dir den ball zurueck, da du einiges, das du an uns kritisierst, selbst anwendest. (?)

    uns geht es um inhalte, nichts anderes. text text text. content content content.

    es freut uns sehr, dass du hier mitpostest. vielleicht in zukunft wieder und dann nicht ueber uns … sondern ueber eines der themen?

  3. Christoph M.,

    Ein sehr interessanter Ansatz, eine Kritikerplattform ins Leben zu rufen.

    Allerdings möchte ich direkt an dieser Stelle Kritik an der Gestaltung dieser Internetseite ausüben: Weißer Fließtext auf schwarzem Grund bei den Kommentaren strengt die Augen unnötig an. Das Hauptmenü in weiß auf hellgrauem Hintergrund ist schwer lesbar. Die Links im Text haben eine äusserst starke Signalwirkung und stören den Lesefluss.

    Gerade eine solche Plattform sollte, wenn nicht mit Absicht erstellt, solch wichtige Faktoren berücksichtigen.

  4. Birgit S. Bauer,

    Ich weiss genau, was Sie meinen. Allerdings artet das “Unter die Lupe nehmen” dieser Nagel-Design-Studios, Designerbrillen und was nicht alles oft in einer sarkastischen Borniertheit, die dann wieder dem Klischee der Profession zugetragen wird.
    Schöner ist ja, wenn die Menschen darüber staunen, was Design alles können könnte. Aber auch die Gelassenheit und Heiterkeit der Profession spielt dabei eine Rolle. Eventuell sollten wir über die Designerbrille lachen (und heimlich über die Architektenbrille, die neuerdings wieder modische Corbusier-Brille, lachen…)

    Die Welt wollen wir Designer natürlich immer verbessern, oder?

    B.Bauer

  5. Design kritisch betrachten soll, wer die Welt verbessern will. – Wer unsere Gesellschaft für professionelle Gestalter und deren Arbeit sensibilisieren möchte, sollte zunächst den Designbegriff und alle seine närrischen Spielarten kritisch unter die Lupe nehmen. So lange selbst in einem so geschätzten Magazin wie brand eins in der aktuellen Ausgabe eine »Designerbrille« erwähnt wird, ist noch einiges zu tun.