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Open Design Now. Jetzt.

Ein sonniger Tag am Moritzplatz. Vis a vis zum Betahaus dem Erfolgsmodell des Co-Workingspace mit seiner “Open Design City” und dem Prinzessinengarten, einem transportablen Communitygarten, eine Baustelle. Hier entsteht ein weiteres symbolträchtiges Gebäude, der “Planet Modulor”, der Schnittstelle, Materialprovider für Design und Architektur, aber auch Dienstleistungszentrum und Schnittstellenprovider für Kleinproduktionen werden soll. Zwischen Farbdünsten und herabhängenden Kabeln stellt ein glücklicher Moderator Marcus Fairs (dezeen.com) das Buch Open Design Now – why Design cannot remain exclusive vor. Was im Rahmen des Berliner Festivals DMY an dem treffend gewählten Ort passiert, hat mehr Gewicht für die Designcommunity, als sie zum jetzigen Zeitpunkt wahrhaben will. Das Buch “Open Design Now” ist ein Kristallisationspunkt. Eine Momentaufnahme des Aufstiegs von Open Design Praktiken vom Underground in den Mainstream. Das bedeutet nicht etwa, dass Open Design nicht mehr umstritten ist.

Vom Underground in den Mainstream

Doch zunächst hat sich die Sichtbarkeit kollaborativer, offener Prozesse im Design rapide erhöht. Es sind eben nicht mehr nur kleine Inseln oder einzelne Projekte, die sich mit den vielfältigen Spielarten sich öffnender Prozesse beschäftigen. Mittlerweile sind es eben auch etablierte Netzwerke und funktionierende Ökonomien, die mit rasender Geschwindigkeit einen Paradigmenwechsel in Design und Gesellschaft auf den Weg bringen.

Bisher war es oft nicht ganz klar, ob das Öffnen der Prozesse nicht nur die Schminke für einen Verfall der Wertesysteme ist; Designer fürchten oftmals um Ihren Status als Experten, wenn die Amateure das Feld erobern. Im Hinblick auf einen weiteren Aspekt von Open Design, dem Crowdsourcing, fühlte sich die kreative Klasse teilweise doppelt veralbert: Vom ohnehin schon vom Prekariat bedrohte Klasse sollten die Gestalter jetzt auch noch kostenlos ihre Ideen an den Start bringen. Dies sind die gängingen Kritikpunkte im Diskurs um das Verhältnis von Experten und emergierenden Amateur-Kulturen. Doch war nicht eben die Designkompetenz der Bevölkerung ein von jeher von den Experten gewünschter Effekt? Trauerte man nicht auch um die Werte eines bodenständigen Handwerkswissens, die die Industrialisierung vom Tableau gefegt hatte?
Frühe Projekte, die den Produktionsprozess dem Nutzer überließen, fanden in den 1970er und 90er Jahren statt: Die Düsseldorfer Gruppe Kunstflug mit Hardy Fischer, Harald Hullmann und Heiko Bartels entwarf schon in den 80ern einen Beistelltisch, der als Bauplan angeboten wurde. Materialwahl und Produktion blieb dem Käufer überlassen. 1993 kam die Idee noch einmal auf den Tisch: Vogt&Weizenegger promoteten mit “Blaupause” einen offenen Prozess, zumindest im Hinblick auf die Freiheit von Produktionsmitteln. Der Kunde erwarb einen Bauplan und die Lizenz zum Nachbau.

Open Design Now untersucht die aktuellen Entwicklungen des Open Design Movement und gibt einen Ausblick in dessen nahe Zukunft.

Im 256-seitigen Buch geben die wichtigsten Akteure der keineswegs homogenen Szene Auskunft darüber, wie sie sich die Veränderungen an Produktion, Distribution vorstellen, wie sie sie umsetzen und welche Konsequenzen und Möglichkeiten Open Design für die Profession der Designer und die gesamte Gesellschaft birgt. Dafür führt das Buch konkrete Beispiele und Case Studies an: Beispielsweise vom wohl bekanntesten Studio für konzeptionelles Design, Droog.

Droog showcase

Man kann mit Sicherheit behaupten das Open Design Mainstream wird, wenn die wohl bekannteste Firma für Conceptual Design ein Projekt um und mit Open Design entwickelt. In diesem Fall hat Droog Design, gemeinsam mit der niederländischen Mediagilde die Design for Download Initiative gestartet.

Diese Initiative wurde während des „Salone del Mobile“ in Mailand 2011 vorgestellt. Offiziell veröffentlicht, mit namhaften Marken und Institutionen an der Seite von Droog, wird es jedoch erst später dieses Jahr. Diese Plattform wird nicht nur Produkte enthalten, sondern auch Architektur, Accessoires für zu Hause, Fashion, Lebensmittel, Kleidung und mehr. Für den Anfang wird Droog Möbel und Accessiores, wie zum Beispiel CNC Tische, Regale, Schreibtische, Beistelltischchen und Sofas von EventArchitectuur und Minale-Maeda zum Downloaden designed, vorstellen und auch elektrische Outlets, Blumen und Amulette.

Droog geht noch weiter und bietet digitale Designwerkzeuge die einem normalen Computer-User auf ganz einfache Art und Weise functional Design erlaubt und automatisch Baupläne dazu erstellt um das Ganze gleich an Ort und Stelle mit verschiedenen Materialien testen zu können. Die Werkzeuge ermöglichen auch die Kommunikation zwischen Designer und Kunde um so die Kosten eines spezifischen Designs möglichst gering zu halten. Die ausgestellten Produkte sind von Droog speziell für diese Kollektion gefertigt worden. Laut einem Interview mit dem Director von Droog Renny Ramakers, ist dies nicht das erste Mal, dass Droog die Arbeit mit Open Design als Möglichkeit in Betracht zieht. 2004 hat Mario Minale einen Red Blue Lego Chair designed, also eine Version vom Red Blue Chair von Gerrit Rietveld aus Lego. Mario Minale wollte ursprünglich, dass sich die Leute den Stuhl selbst bauen und veröffentlichte das Projekt als Open Source. Droog wollte es für alle zugänglich machen doch war es aus Copyright Gründen nicht möglich es in der Masse zu produzieren. So haben sie fünf Stück gemacht und es als Kunstprojekt deklariert.

Renny Ramakers erklärt einen wichtigen Punkt am Open Design: Mit der Öffnung der Design Industrie sind die Konsumenten mit einem einfachen Zugang und günstigen Design- und Produktionswerkzeugen ausgestattet, welche die Rolle des Kuratierens umso wichtiger macht.

Droog zeigen damit, dass ihr schon immer gutes Beispiel für eine Organisationseinheit, die maximale Kreativität nach Innen und funktionierende Ökonomie nach Aussen bewerkstelligt, auch unter neuen Bedingungen funktionieren kann. Durch das Öffnen der Prozesse werden Beispiele für Ökonomien jenseits der herkömmlichen Wertschöpfungsmodelle geschaffen. Das Design endet nicht mehr, wie Open Designer Ronen Kadushin sagt, an der Tür des Produzenten, sondern macht Tauschverhältnisse auf, die unter neuen Bedingungen verhandelt werden können.

Erinnern wir uns: Die allgemeine Verfügbarkeit von günstigen computergesteuerten Produktionstechniken ist eine der Entwicklungen, mit denen sich die Designer von heute konfrontiert sehen und der Grund dafür, dass Design nicht mehr exklusiv bleiben kann. Open Design wird alles für alle verändern argumentiert z.B. Paul Atkinson in Open Design Now. Das gesamte Koordinatensystem der Wertschöpfung wird sich verschieben – soviel ist sicher. Was früher exklusiver Kontent, die einzigartige Technik oder der besondere Prozess war, ist nun einer extensiven Kopier-Kultur gewichen, die verändert, optimiert, adaptiert. Das thematisieren auch andere Autoren. Wie z.B. Anja C. Wagner in ihrem Artikel Design 2.0aufzeigt, geht der momentane soziale Wandel in den neuen Netzwerkkulturen durchaus nicht von den ExpertInnen einer Designgesellschaft aus, sondern von Technologien. Ein Design 2.0 wie sie es nennt, kann nicht mehr den Anspruch verfolgen, den Wandel zu gestalten. Mit Design lassen sich lediglich optimale Rahmenbedingungen schaffen, um den Wandel nicht zu blockieren.

Verwirklicht sich mit Open Design ein lang gehegte Wunsch der Designer? Die Chance ist, dass Design kritisch und politisch wird – durch eine Praxis und die richtigen Werkzeuge, auszuhandeln welche alternativen Tauschverhältnisse sich generieren lassen.

Das Buch

Open Design Now ist die erste Überblickpublikation zum Open Design mit den Schwerpunkten Design, Sharing und Innovation. Es verfolgt die verzweigten Wurzeln des Phänomens, zeigt die treibenden Kräfte dahinter und schaut in seine Zukunft. Aber auch die Designer kommen zu Wort. Einige der Pioniere des Open Design erklären, wie sie mit dem Modell arbeiten und Geld verdienen.

 

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Ein Kommentar

  1. […] Tätig u.a. als Direktor einer Architekturschule in Rotterdam und für das Designinstitut Premsela, operiert seit 3 Jahren vom Standort Berlin aus als Autor, Redner, Moderator und Initiator in […]