Meistkommentiert

Suche


Schlagworte


Titel


Archiv


Schließen

Erlhoff und Bürdek mit neuen Büchern

Das alles ist also Design: Eine Horde Dackel mit Sonnenbrillen in Sport-Outfits und dann wieder ein kantenscharfer weißer Marmorwürfel. Auf den Titeln der 2012 und -13 erschienenen Publikationen von Michael Erlhoff und Bernhard E. Bürdek bilden sich Facetten des typisch deutschen Designdiskurses ab. Gleichzeitig markieren die beiden Schriften auch das Ende der allzu verbissenen Konflikte um die Definitionsmacht im Design. Die Theoriebildung hat längst eine viel pragmatischer ausgerichtete junge Forschungspraxis übernommen. Die Autoren Erlhoff von der Kölner KISD und Bürdek von der hfg Offenbach verlassen jetzt als hochverdiente Hochschullehrer den Lehrbetrieb.

Bernhard E. Bürdeks “Design – auf dem Weg zu einer Disziplin” ist seine Dissertation, die er knapp vor seiner Pensionierung im etwas sperrigen Wissenschaftsverlag Dr. Kovac vorgelegt hat. Die Publikation kostet im Handel 89,90 EUR, dem entsprechend wird die Verbreitung unter Jungdesignern wohl nicht allzu groß sein. Leider, denn Bürdeks Dissertation zeichnet die wichtigsten Diskurse des 20. Jahrhunderts um Design als Disziplin kritisch und aus dem spezifischen Blickwinkel Bürdeks präzise nach. Er zeigt in vielen Beispielen auf, welche Querverbindungen zwischen aktuellen Forschungsgebieten für das Design nützlich sind und warum, z.B. seit der Globalisierung ethnologische Betrachtungsweisen und natürlich auch ökonomische Strategien. Er stellt Aussagen über Design als Wissenschaft und die unterschiedlichen Äußerungen von Akteuren der deutschen Theorie-Szene vergleichend nebeneinander und hält mit bissigen Seitenhieben auf manche Kollegen nicht hinterm Berg.

Die meisten Ansätze, die Design als generalistische Schnittstellendisziplin definieren wollen, sind Bürdek zu post-modern verschwommen – so wie z.B. Michael Erlhoff in “Theorie des Designs” die Offenheit der Begriffe, das Unfertige und Vage als Eigenheit designtypischer Epistomologie zelebriert. Dabei gibt es durchaus Überschneidungen in den konträren Haltungen der Autoren; z.B. in Quellen, auf die sich Bürdek beruft und die sich als Bezugspunkt in Erlhoffs Arbeit wiederfinden, z.B. von Hans-Ulrich Reck, der ein Kritiker der Bemühungen um die Anerkennung von Design als “Wissenschaft” ist und dessen Bedenken Bürdek wie Erlhoff teilen.

Können, wollen, sollen

Bürdek argumentiert, Design könne sich deshalb keinen Status als Wissenschaft anheften, da es die eigene Methodik nicht klar genug von anderen Fachgebieten abgrenzen kann. Dabei ruft er in Erinnerung, wie Designer wie Dieter Rams, Luigi Colani und Hartmut Esslinger auf das Verständnis von Design einwirkten und führt uns auf den “Offenbacher Weg”: Statt “form follows function” eine erweitert-funktionale Produktkultur, in der die Produktsemantik das wichtigste Instrument ist. Vor diesem Hintergrund sei auch “Technik” heute im Design äquivalent zu einem bestimmten Codierung – so bezeichnet Bürdek Design als “Hermeneutik der Technik”. Bürdek hat mit seinen Erkenntnissen über strategische Produktsprache die Hochschule in Offenbach sehr geprägt. Zu erforschen, wie man Codierungen nutzt ist ein Fokus von Bürdeks Arbeit. Dem Interdisziplinären, das die Komplexität der Welt erfordere, solle Design mit erhöhter Disziplinarität begegnen, fordert Bürdek, also Grenzen definieren nicht um der Beschränkung willen, sondern mit dem Zweck, sich adäquat in wissenschaftliche und gesellschaftliche Diskurse einbringen zu können.

Ohne Grenzen

Erlhoff hingegen verweigert sich jeglicher Disziplinierung des Designbegriffs. Immer wieder beschreibt er das Unfassbare, Unsagbare, ja Unerklärliche am Designprozess – den man ja auch gar nicht als Prozess mit Gesetzmäßigkeiten beschreiben könne. Jeden Versuch, Design überprüfbaren Regelmäßigkeit zu unterwerfen rückt er in die Nähe machtgetriebener Rationalisierungsstrategien, wie z.B. die Erkenntnisse der Ergonomie, die heute in Form von Regelwerken wie beispielsweise dem bekannten “Neufert” die Studierenden lt. Erlhoff quälen. Andererseits führt er Raymond Loewy an, wenn es darum geht, die “extrafunktionalen” Aspekte des Designs und ihren Nutzen hervorzuheben. Ist das nicht auch sehr rational? Es wäre schön gewesen, das genauer ausgeführt zu bekommen. Erlhoff hat sich in vielen Gebieten um die Designausbildung in Deutschland verdient gemacht und ist der geistige Vater der Deutschen Gesellschaft für Designtheorie und -forschung (DGTF), da scheint es etwas seltsam, dass Erlhoff seinem Sujet in der “Theorie des Designs” nicht näher kommt.

Das hören wir gerne

Dabei ist Erlhoffs Bilderbogen “des Designs” doch recht unterhaltsam: Erlhoff demonstriert sein beeindruckend breites Wissen. Leider lässt er uns LeserInnen in den meisten Kapiteln nicht unbedingt daran teilhaben. So führt er an einer Stelle als Beispiel für designorientierte Unternehmenskultur mehrere italienische Unternehmen und auch Akteure aus der Welt der Mode an. Wie diese jedoch aus ihren Ideen dauerhaft erfolgreiche Produkte machen, bleibt im Dunkeln. Das ist über kurze Strecken ganz unterhaltsam, hinterlässt jedoch in der Wiederholung das quälende Gefühl, dass hier die Verweigerung jeglicher Zuordnungen zur reinen Attitüde wird. In beiden Publikationen beziehen die Autoren gegensätzliche Positionen zur Rolle des Designs und der Designer: Die meisten GestalterInnen werden es gerne hören, dass Erlhoff ihnen zuspricht, sie seien für die Anforderungen der  drögen deutschen Industrie “überqualifiziert” – Bürdek dagegen mahnt, dass die Profession eben gerade (noch) nicht die Qualifikationen für die Teilhabe an gesellschaftlich wichtigen Entwicklungen mitbringe. Als Beispiel nennt Bürdek die Gremien, die sich auf politischer Ebene mit Elektromobilität befassen und viele andere Schaltstellen der Macht, in denen man Design erwartet, jedoch  keine Designer beteiligt sind. Erlhoff hat eine kritische Haltung gegenüber den Strukturen selbst.

Diskurslandschaft: Himmel und Erde

Natürlich haben die Publikationen unterschiedliche Ziele, dennoch repräsentieren Sie ganz typische Unterschiede in der Bandbreite der forschenden Theoriebildung im Design. Zeichen eines gesellschaftlichen Diskurses, der noch lange nicht mit einer hinreichenden Vielfalt an Beiträgen ausgestattet ist. Beide Publikationen vereint die Botschaft, dass man Design, seine Grenzen und Potentiale überwiegend aus der Geschichte heraus verstehen muss – ob nun durch Vasaris Accademia der Renaissance oder der semantischen Wende.

In der Frage danach was Theorie im Design sei, schreibt Erlhoff, Theorie sei nicht gleich Wahrheit, und im Design wäre Theorie nie geschlossen und ein Werkzeug, die Widersprüche, die Unschärfe und die Qualität des Fehlers und Zufalls zu ergründen. Bürdek hingegen erklärt gemäß seines Themas den Theoriebegriff der hfg Ulm: Designtheorie beschreibe Gesetzmäßigkeiten mit Hilfe von Theorien. Seine Position im Streit um die Wissenschaftlichkeit von Design stellt Bürdek mit Hilfe eines Zitates von Gui Bonsiepe klar, der sagte, Design sei in Bezug zu den Wissenschaften zu setzen und nicht selbst zur Wissenschaft zu machen. Wie gesagt, ein Dilemma, dass es in der Forschungspraxis junger Design-Doktoranden gar nicht mehr zu geben scheint.

Studierende werden jetzt fragen, welches von beiden Büchern sich am nützlichsten macht? Nun, beide zeigen zunächst Rollenmodelle von “Design-Denken” inklusive Seitenhiebe auf Kollegen und bissigen Subtexten. Bürdeks Arbeit ist als Dissertation sicher eine gute Orientierung, wie man Design-spezifische Diskurse historisch eingrenzt und geradlinig bearbeiten kann. Pluspunkt ist hier sicherlich die Folgerichtigkeit, mit der Bürdek meist argumentiert und seine Argumente belegt. So ist “Design auf dem Weg zu einer Disziplin” sicher eine gute Vorlage und Anknüpfungspunkt für weitere ernsthafte Arbeiten.

Erlhoffs “Theorie des Designs” ist als Zitiervorlage nur begrenzt nützlich, weil in weiten Strecken essayistisch geschrieben und auch weder verschlagwortet noch mit Fußnoten versehen. Dafür verbreitet es stilistisch die großzügige Geste, die man von Design als kultureller Frage im Plausch mit Erlhoff erwartet. Die gigantische Bibliografie reicht von A wie Adorno bis W wie Wiener und streift dabei S wie Schwitters – Design in bester Gesellschaft.

Mischen possible!

Man wünscht sich also durchaus ein Designtheorie-Buch der großen Geste mit Dackel-Cover (dank an Uta Brandes für das Foto), das sich aber die Mühe machen sollte, präzise zu sein, um Wissen zu teilen und zugänglich zu machen, und zwar doch durch Details und teilweise sogar formale Mittel, die wir aus der “normalen” Wissenschaft kennen.

Die überraschend vielen inhaltlichen Überschneidungen als konträr bekannten Autorenmeinungen in beiden Büchern zeigen, dass die Gräben in der deutschen Designdebatte doch nicht so tief sind, wie die Ornamentik der Worte vermuten lässt. Es ist eher der Gestus, der sich so stark unterscheidet.
Kauftip: fürs Arbeiten über das Design des 20. Jahrhunderts Bürdeks Arbeit aus der Bibliothek holen und zu Weihnachten der/dem Studierenden in der Sinnkrise die Dackel geschenkt!

Unruhe!

Beiden Autoren sei gleichzeitig unser herzliche Dank übermittelt – für lebendige Kratzbürstigkeit und Spitzfindigkeit, für Streit- und Diskutierlust und die Anstiftung dazu. Denn beides sind die jetzigen “Un-Ruheständler”: unverzichtbare Persönlichkeiten!

 

Kommentar verfassen

Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.