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Unter der Oberfläche sexy durchschillern – die erste Ausgabe von Neuwerk

Vorab: wir wollen diesem Heft, das ja eigentlich ein Buch ist, kein Haar krümmen, ihm nicht das winzigste Eselsohr zufügen – denn das zarte Pflänzchen der Designkritik in Deutschland, hier in Gestalt von Texten mit wissenschaftlichem Anspruch, gilt es zu pflegen und zu hegen. Neuwerk, mit viel persönlichem Einsatz von Absolventen der Uni Burg Giebichenstein Halle herausgegeben, ist so eine Pflanze – und sie ist wunderbar, punkt.

Designwissenschaft lebt in und von dem Dilemma, einerseits präzisen Erkenntnisgewinn generieren zu wollen, andererseits aber nicht zu können, da sein Gegenstand, die veränderliche Designpraxis, schon die Repräsentation seines Forschungsvorgangs ist. So schildern es die Herausgeberinnen der Zeitschrift Neuwerk in ihrem Vorwort. Sie schicken die Leser mit viel Skepsis in den Text des Heftes, das mit dem Thema Oberflächen/Untersichten eine interessante Steilvorlage mitten in den Strafraum des Design macht. Der selbe Spielzug führt mit etwas mehr Courage zum Führungstreffer.
Aber das Heft will es sich nicht leicht machen. Das fängt schon beim Format an: kompaktes A5 Format, das Papier und Schrift schwarz-grau-silber. Bunt und fröhlich wäre es den Herausgebern wohl etwas viel Affirmation gegenüber dem allgemeinen Image des Designs gewesen, vermutet man. Die Form verbreitet im Voraus eine gewisse Ernsthaftigkeit, die einen für den Inhalt rüstet.

Die 22 Textbeiträge sind qualitativ höchst unterschiedlich. Hier schreiben versierte Forscher wie z.B. T-Labs Leiterin Gesche Joost neben echtem Nachwuchs, der stilistisch wie fachlich unsicherer agiert. Und deren Marotte, eine vermeintlich im
Wissenschaftskontext anschlussfähige Sprache zu gebrauchen, nervt bisweilen. Man fragt sich durchs Dickicht der Worte, warum sich hier manch einer sprachlich so abarbeitet, wenn’s auch leichter gegangen wäre. Besonders dann, wenn in diesem Duktus teilweise sogar Zusammenfassungen allgemein relativ bekannter Sachverhalte zu lesen sind.

Aber im Großen und Ganzen schillert durch das Designforschungsgewese, dass es durchaus auch sexy sein kann, ernsthaft über Design zu schreiben und dass die Begriffsfindung eine lustvolle Tätigkeit sein kann, zum Beispiel gleich zu Anfang im Text von Florian Walzel, „the surface is now“ oder in „Die Anatomie des Materials“ von Eva Kristin Stein, die zeigen, dass man auch innerhalb des Forschungsanspruchs zu einer Sprache kommen kann, die weder langweilig noch trocken ist. Besonders, wenn Stein fordert, die Wahrnehmung von Materialien in komplexere, auch emotionale Zusammenhänge von sozialen Gruppen zu überführen, prickeln die Synapsen. Erhellend gestaltet sind auch die Beiträge von Monika Miklásová „Kinder der Oberflächenwelt“ über den Einsatz und Wirkung von „kindgerechter“ Gestaltung und die systemische Betrachtung des Kreislaufs von Trends und Moden von Carina Balzer („Gegensätze generieren Moden“) – diese seien aber lediglich herausgegriffen unter einer Vielzahl von interessanten Aufsätzen.

Inhaltlich fällt auf, dass in der Aufarbeitung des Designs allgemein wohl noch größere, vor allem historische Strecken zu bewältigen sind. Denn die Diskrepanz zwischen zeitgenössischem, kulturell relevantem Output der Branche und der Auswahl der im Heft porträtierten Interviewpartnern wie z.B. Gert Selle ist groß. Denn gerade Selle, auch wenn er zu den wichtigen Chronisten des deutschen Designgeschehens zählt, gehört nicht gerade zu den Figuren der Theorie-Szene, die Lust und Mut auf Neues repräsentieren.
Das Moralisieren ist den jungen DesignforscherInnen ein Hemmschuh, folgen doch zahlreiche Texte dem subjektiven Legitimierungsdrang des Design und trauen sich nicht, zu radikal eigenen Statements zu gelangen.
Spannend wird es, wenn die allgemeine Weltverbesserung durch Design hinterfragt wird und die moralphilosophische Betrachtungen in den Hintergrund treten. Dann offenbaren sich aus den Trümmern des Design neue Aufgaben. Beispielsweise, wenn in Texten wie „Design der Wohnungslosigkeit – Materialität und Mobilität gebauter Kritik“ von Cornelia Durka die Entpolitisierung von Themen wie Wohnungslosigkeit durch endlose Designs zum Shelter-Thema enthüllt wird.
Ute Ziegler erforscht in ihrem Beitrag, wohin ein Design gehen muss, dass sich von der Oberflächlichkeit befreien will. In einer neuen Körperlichkeit, rhizomartiger Vertiefung und Open Source liegen in ihren Augen Hinweise für eine Erneuerung – weg vom Styling und Konsum, hin zu einem System sozialer Mitbestimmungsmöglichkeiten, obwohl auch hier die kritische Betrachtung von Neuanfängen mitschwingt.

Alles in allem eine inspirierende, abwechslungsreiche Reise in die Unterschiedlichkeit von Forschungsansätzen im Design. Jetzt muss nur noch gelesen werden. Die wissenschaftlichen Thesen in eine flüssige Diskussion zu bringen und die Enden dieser Gedanken zu verknoten, ist unsere nächste große Aufgabe – weit abseits jeder Akademie.

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3 Kommentare

  1. […] Heft finden.Wer mehr erfahren möchte, dem sei die gelungenene Rezension von Birgit S. Bauer auf designkritik.dk […]

  2. admin,

    Kommentar via: http://www.designresearchnetwork.org

    Journal in Germany

    On December 10th, 2009 Gesche says:

    Thanks for the link to the critique about this new journal. I hope that this “plant” will grow in deed – because the main challenge might be to make it a real series, to publish this journal once or twice a year. It would be quite interesting to have a specific journal on the German part of the discourse on design research – I would in fact not use the term “Designwissenschaft”. This first issue reflects the quite heterogenious state of the art of design research in Germany and a journal could trigger the discussion about our understanding where we are now.

  3. ber,

    “… das Heft will es sich nicht leicht machen”

    Das Heft macht es in erster Linie dem Leser schwer! Man bekommt dreckige Hände durch die Rubbelschicht, es riecht unangenehm und die visuelle Gestaltung regt einfach nicht zum lesen an. Leider.

    Ich wollte es eigentlich kaufen aber hab es dann trotzig im Laden liegenlassen.

    PS: könntet ihr bitte das Kommentarfeld breiter machen?