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Weit weg statt nur dabei

Es gibt immer mehr Designbüros und Werbeagenturen; dazu eine Unzahl von Werbetechnikern, Web-Designern, Mediengestaltern, Mediaberatern – und da machen mittlerweile alle alles. Und billig. Man kann leicht sagen: Da darf man nicht darauf einsteigen. Natürlich nicht – und trotzdem nehmen sie »echten« Designern jedes Mal etwas weg. Hinzu kommt, oder vielmehr weg, dass Kunden immer mehr selbst machen (wollen und können). Manche arbeiten bereits über Indesign mit Templates, andere wollen alles »für Word« haben, editierbar. Egal, dass da nur Arial oder Verdana zur Verfügung stehen. Der gebotene Weg über den Gestalter dauert zu lange und kostet zu viel – und den Unterschied sieht ja eh niemand. Man fragt sich, wie vor Email, Download und Pdf überhaupt ein Leben und Arbeiten möglich war.

Über Templates zur Zwei-Klassen-Gestaltung?

»Template« ist ein Begriff, der in den letzten Jahren zunehmend an Verwendung und Bedeutung gewonnen hat. Kunden wollen möglichst viel selbst machen, jederzeit alles ändern können, unabhängig sein, Geld sparen. Designer liefern also »Templates«, müssten dann aber, so die Logik allgemein und auch die der Verbände, entsprechend eine höhere Nutzungsvergütung erhalten. Wer kann das dem Kunden erklären – und schließlich in angemessener Höhe berechnen? Es würde kaum verwundern, wenn es in den kommenden Jahren entsprechend eine divergierende Tendenz bei den Gestaltern gäbe: die Wenigen, die wirklich gestalten, die Vorgaben konzipieren, qualitativ arbeiten, gut honoriert und die vielen Anderen, die dann auf dieser Basis aus- und abarbeiten, »setzen«, quantitativ ausgerichtet und entsprechend deutlich schlechter bezahlt.

Ideen kostenlos frei Haus

Ausschreibungen und »Ideenwettbewerbe« sind darüber hinaus ein gerne eingesetztes Mittel, um billig bis kostenlos (viele) Entwürfe zu bekommen. Nicht selten sind Procedere und Bedingungen unzumutbar – unglaublich aber, dass jedes Mal nicht wenige mitmachen. Das gestalterische Konzept ist eigentlich keine Vorleistung, die man mal so hinskizziert (Hackenberg: »hintuscht«), sondern das Zentrum, die Basis der Designleistung. Der Kern unserer Kompetenz. Nur: Wer merkt die beispielsweise auf dem Gebiet der Typografie? Dazu noch, wenn man nicht einmal selbst vor den »Entscheidern« präsentieren kann.

Design-Award – der Möbelverkäufer hat mehr davon

Was bei den verschiedenen, zahlreichen Design-Awards zumindest den Produktdesignern, vor allem aber den Herstellern und Händlern nützt, sind die Labels der Ausrichter. Sie haben dadurch einen wirklichen, konkreten, unmittelbaren und ökonomischen Nutzen. Die roten Punkte, IFs und wie sie alle heißen suggerieren einem »Designinteressierten« und Unbedarften doch eine gewisse Sicherheit, ein »ästhetisches Qualitätssiegel« also. Im Grafik-Design (vielleicht mit Ausnahme von Büchern) hilft das nur bedingt; denn die Arbeit entsteht in aller Regel für einen spezifischen Kunden, einen höchst individuellen Zweck und Auftrag, einmalig, »maßgeschneidert« und zudem abgeschlossen. Diese Arbeit lässt sich nicht noch einmal verkaufen, bestenfalls ergibt sich daraus die Chance für einen neuen, wieder vollkommen anderen Auftrag. Neues Spiel, neues Glück – und durch die Awards lediglich mit etwas Vertrauensvorschuss ausgestattet.

Design vor das Ministerium schütten?

Die Welt verändert sich, viele Unternehmen und Kommunen reden von Philosophie und Kultur, schaffen diese aber gerade durch verschärfte Spar- und Unsinnsmaßnahmen ab. Und wir? Wie reagieren wir? Berufsverbände haben dies in ihrer Dimension, so der sich aufdrängende Eindruck, noch nicht wirklich erkannt – oder gar entsprechend wahrnehmbare Schlüsse daraus gezogen. Vielleicht auch kein Vorteil, dass es nicht den einen Verband gibt. Lobbyismus machen andere, da kann man von den Landwirten lernen. Die schütten denen in Brüssel schon mal ihre Milch hin. In den Untiefen der Finanz- und Wirtschaftskrise sprach die gesamte Politik von »notwendigen Veränderungen« – doch sind und bleiben es gerade die klassischen Industriebereiche, die größtenteils munter subventioniert werden: Autos (Abwrackprämie), Straßen und Infrastruktur – nur etwa 13 Prozent gingen in den Bereich regenerative Energien und Umwelt. Das alte Lied, die alten Sänger, die gleichen Souffleusen. Investiert wurde auch in Schulen, meist in Bauprojekte, was wohl bereits unter Bildung läuft. Nach der ruft man reflexartig, ebenso nach mehr Dienstleistung und zukunftsfähigen Branchen. Doch wer in den Parteien oder Ministerien denkt da an Design? Dessen Bedeutung endet bei der Auswahl des Dienstwagens; Design ist noch nicht einmal klar definiert, Nutzen, Wesen und Wirkung kaum (klar) kommuniziert. Und wenn, dann jedes Mal neu und von jedem ein wenig anders. Je nach persönlicher Vorliebe. Es fehlt die anerkannte »Disziplin Design«, die ihrer Wertschöpfung und Bedeutung gerecht wird: akademisch, politisch und soziologisch.

Ein Designer ist, was man glaubt, das er kann

Ein anderes Beispiel noch: Das Bundeswirtschaftsministerium fördert schon seit Jahren unter bestimmten Voraussetzungen einmalig eine Unternehmensbera-tung – mit immerhin bis zu 50 Prozent der Kosten. Das ist gut für die Beratenen und für die Beratenden. Strategische Markenführung, Analyse und Optimierung von Kommunikation und Corporate Designs fallen, erst recht wenn von einem Gestalter durchgeführt, nicht darunter. Pech gehabt, schade aber. Otl Aicher sang immer das hohe Lied der Freiheit: der Designer, der Grafiker als letzter freier Beruf: Ein Grafiker ist, was er kann, er kann, was er ist. Es mag ja in gewissem Sinn auch stimmen. Es ist ja schön, dass eine Person nicht an Abschluss, Universität, Herkunft oder sonst etwas gemessen und tituliert wird, sondern nach seiner Leistung bewertet wird. Nur: Wer kann das denn wirklich von denen, die den Großteil der Kunden von Designbüros ausmachen, bewerten? Vielleicht ist deshalb gerade auch die persönliche Empfehlung der wichtigste Schlüssel zu neuen Kontakten. Die Freiheit, der Reiz des Unreglementierten aber hat sich in der Konsequenz heute gegen die Branche gewendet, aus der Stärke wird eine Schwäche. Und genau diese Rahmenbedingungen, die die verschiedenen freien Designer und ihre (eigentlich zu vielen) Verbände bilden, werden es nicht leichter machen, der Branche, dem Wirtschaftszweig, ein Profil, Gewicht und Relevanz zu verleihen. Eines, an dem weder Unternehmer noch Politiker vorbei kommen sollten. Wir gestalten die Welt, nur hat die es großteils noch nicht gemerkt!

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8 Kommentare

  1. ber,

    Warum immer die Trennung zw. studierten und gelernten Designern? Das ist doch kein Kriterium für die Qualität der Arbeiten. Noch dazu der unsinnige Vorwurf, das nur die “Unstudierten” die Preise zerstören würden?

    Ist der Distinktionsgewinn das einzige woran sich gekränkte (akademische) Designeregos noch festhalten können?

    Artikel mit ähnlichen Klagen ließt man seit einiger Zeit häufiger. Man bekommt den Eindruck Designer in Dtl. jammern, weil ihr altes Geschäftsmodell den Bach runter geht und rufen nach Unterstützung aus Politik und Verbänden. Kennt man irgendwie von der Musikindustrie.

    Die sog. “Kreativen” haben offensichtlich keine Ideen, wie sie ihr Wissen/Können den neuen Gegebenheiten anpassen können. Obwohl man sich das Motto “Probleme lösen” immer schön auf die Fahne schreibt.

    Warum nicht Kunden Hilfe zur Selbsthilfe (= Templates) anbieten? Man rennt ja auch nicht wg. Socken oder einem T-Shirt zum Maßschneider.

    Die “IKEA Methode” (massenproduziert, selbst zsm.bauen) wird sich sicherlich ausweiten – muss aber nicht zwangsläufig zu schlechtem Design führen.

    Etwas konstruktiver und optimistischer bitte. Es gibt soviel zu tun “da draußen”.

  2. Die meisten Designer sind derzeit eher mit Überleben beschäftigt, da bleibt wenig Platz für Politik. Was machen die Verbände, die eigentlich in vorderster Front stehen sollten? Was macht ein Rat für Formgebung, der das Sprachrohr in die Politik für uns sein könnte? Designpreise und Events, wo sich ein kleiner Kreis gegenseitig selbst feiert. Was machen die etablierten Designzeitschriften? Sie schreiben für Designer über meist die selben Designer. Mir scheint, die Designszene ist ein geschlossenes System. Ein System, das aufgebrochen werden muss.
    Brand Eins zeigt uns seit langem, wie Fachfremden mit Leidenschaft und Freude ein eigentlich trockenes Thema – Wirtschaft – näher gebracht wird. Designjournalismus für Fachfremde erschöpft sich in Lifestylethemen, landet stets im Feuilleton, nie im Wirtschaftsteil. Ein lieber Freund von mir, damals Chefredakteur einer bekannten Designzeitschrift, hat versucht, die Zeitschrift thematisch zu öffnen um Zielgruppen jenseits des Designs zu erreichen: Produktmanagemant, Marketing, überall, wo halt über Design entschieden wird. Er ist auf taube Ohren gestoßen. Die Angst des Verlages vor Kosten und Unverständniss der alten Leserschaft hat den Plan ausgebremst.
    Haben wir im Internet nicht die Möglichkeit, das Thema breiter aufzustellen? Wie können wir die wirklich interessanten Designthemen präsentieren, dass sich auch ein Fachfremder dafür begeistern kann?

    Ich finde es übrigens wunderbar, dass hier diskutiert und kritisiert werden darf – von jedem. Mich langweilt das Meinungsmonopol der etablierten Magazine, die meines Erachtens den Sprung ins Internetzeitalter nicht so richtig geschafft haben.

  3. admin,

    In Deutschland ist Design, gemessen an europätischen Nachbarn in den letzten Jahren massiv aus der Förderung gefallen. Designförderung im Sinne nachkriegsgeprägter Wirtschaftsförderung braucht es allerdings auch nicht mehr. Schaut man z.B. nach Großbrittanien oder die Niederlanden, so sieht man, wie effizient z.B. Designforschung in öffentliche Entscheidungen eingebunden wird. Der “eigene Weg”,den @dora Asemwald fordert, könnte m.E. darin bestehen, sich als Designer überhaupt mehr zu politisieren. Denn demokratische Mitwirkung kommt ja meist nicht als Auftrag auf den Schreibtisch, sondern muss gelebt werden. (und das ist schwierig, puh)

    Birgit S. Bauer

  4. aber genau darum geht es ja. weder mit arroganz, noch mit ignoranz. wo findet design seine rolle, seine relevanz? andreas koop

  5. Liebe Kollegen Designkritiker,
    ein weiterer Artikel, der die bedauernswerte Ignoranz gegenüber dem Design und seiner Designer aufzeigt. Jeder von uns könnte ein langes Lamento darüber singen, welche Chancen durch eben diese Ignoranz vertan werden. Besser wird dadurch gar nichts.
    Sollten wir nicht lieber mit dem Jammern aufhören und uns überlegen, wie wir mit diesem Dilemma umgehen? Manche Dinge lassen sich nicht umkehren. Do-it-yourself-Design mit Templates wird bestimmt noch eine größere Rolle spielen, das selbe gilt für’s Produktdesign dank Mass-Customization. Die Zeiten von Otl sind vorbei. Was kommt jetzt?
    Ich wünsche mir hier eine Diskussion darüber, wie wir unsere Rolle in der Zukunft sehen. Wenn wir von der Politik, der Wirtschaft und Wissenschaft nicht ernst genommen werden, dann müssen wir halt unseren eigenen Weg suchen. Wo ist der?